Haben
um zu sein oder Sein um zu haben, oder?
(ein
Dekanstoß für pzU-Klavierlehrkräfte zum
Schüler-Lehrerverhältnis)
Über Ihr/Dein Feedback würde ich mich sehr
freuen.
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.
Vorbemerkung:
Im nachfolgenden Text meint pzU den personenzentrierten
Unterricht und pzU-Lehrkraft jene Lehrkraft die personenzenriert
unterrichtet.
Da Qualität und Ergebnisse unserer beruflichen Arbeit und
unseres ganzen Lebens wesenhaft mit existentiellen Fragen unseres
Daseins verknüpft sind, also mit den Fragen wie wir leben und wie wir
arbeiten bzw. warum wir leben und warum wir
arbeiten, will dieser Focus diese und andere existentielle Fragen
anreißend problematisieren und zu weiterem Nachdenken einladen
oder anregen: Niemand kann den Fragen, die sich einem jedem von uns
stellen, auf Dauer ausweichen.
Dies gilt in besonderem Maße auch für das
Schüler-Lehrer-Verhältnis sowie für die Art und Weise des
Unterrichtens.
Blättert man Bücherkataloge durch, dann fällt gleich zweierlei auf: Gemessen am Bücher-Gesamtangebot widmet sich offensichtlich eine sehr große Leserschar den Fragen des Lebens und des Lebenssinns. Und nachdem das Christentum aus dem Leben der meisten Menschen mehr oder weniger ausgetreten ist, begeben sich zunehmend mehr und mehr Menschen auf die Suche nach anderen, alternativen Antworten auf ihre tief greifenden Fragen des menschlichen Lebens und der menschlichen Existenz. Sie erhoffen sich z. B. zuverlässliche Antworten und vertrauende Sicherheit von indischen und asiatischen Religionen, von verschiedenen esoterischen Ausrichtungen und Angeboten zum Leben, zur Sinngebung in ihrem Leben. In den neuesten Literaturangeboten kann man bisweilen aber auch wieder punktuelle Ansätze einer sanften Wiederkehr zu den christlichen Religionen entdecken.

Andere literarische Werbeprospekte sagen aus, dass Leben und Lebensgestaltung etwas ganz einfaches, leichtes, quasi nach Rezepten gestaltbares ist: Man muss nur zu Erfolg, Macht, Ruhm, Vergnügen und Reichtum gelangen, und schon wird man gleichsam automatisch zu einem glücklichen Menschen. - Als wenn das so einfach wäre!
Die Leserin, der Leser
ist an dieser Stelle ganz persönlich zu folgendem Versuch
eingeladen:
Während Sie diese Ausführungen lesen oder überfliegen oder
überdenken, könnten Sie eine kleine Pause einlegen und
versuchen, sich Ihre eigene Gegenwart, Ihr eigenes Ich als Ihr
Gegenüber vorzustellen, um dann sich selbst "mit den Augen
eines anderen" zu betrachten und zu beobachten. Vielleicht
haben Sie dies schon einmal ganz spontan ausprobiert, z. B. bei
Ihrer Morgen- oder Abendtoilette oder während eines
Kaufhausbesuches bei der Anprobe eines neuen Kleidungsstückes
oder wann immer Sie sich sonst in einem Spiegel betrachten
konnten.
Die Möglichkeit, uns selbst mit den Augen eines anderen zu betrachten, uns selbst angstfrei in Frage zu stellen, uns über uns selbst bewusst zu werden und letztlich mit dieser Möglichkeit umzugehen - diese Möglichkeit ist unter allen Lebewesen allein uns Menschen vorbehalten.
Und vermutlich liegt in dieser Möglichkeit der Grund, dass wir Menschen uns ständig um die Herrschaft über möglichst alle Dinge dieser Welt bemühen und dass sich das Erscheinungsbild der Welt von Generation zu Generation fortentwickelt und verändert hat.

In dieser Möglichkeit mag ebenso der Grund liegen, dass wir
Erfahrungen machen, Erfahrungen durch uns selbst und durch
andere, unsere Erfahrungen analysieren, auswerten können und uns
Gewohnheiten zulegen können. Diese Möglichkeit zur Auswertung
unserer Selbstbetrachtung befähigt uns zum Bewusstsein unseres
Selbst, also zu einem wirklichen "Selbst-Bewusstsein"
oder gar zu einem uns "selbst bewusst sein" in des
Wortes eigentlicher Bedeutung.
Diese Möglichkeit sich "seines Ichs", "seines Selbst", "seinerseits" bewusst zu werden, zum "Sich-in-Frage-stellen" erschließt uns nicht nur unsere eigene Haltung, unser eigenes Verhalten sondern auch die Art und Weise, wie wir andere Menschen, z. B. unsere Freunde, Verwandte und Bekannte, unsere Kolleginnen und Kollegen oder unsere Schülerinnen und Schüler betrachten, und wie wir selbst von unserer vielschichtigen, sozialen Umgebung gesehen und betrachtet werden.
Und wenn einem jeden einzelnen von uns dieser Versuch wirklichkeitsnah gelingt, und wenn wir diesen Versuch häufig, vielleicht täglich wiederholen, dann werden wir es möglicherweise leichter haben, auch die Menschen unseres sozialen Umfeldes in dem zu verstehen, wie sie uns sehen.
Unsere Vorstellung über uns selbst, unser bewusstes Sein, unser Selbst-Bewusstsein, darf aber nicht nur allein und kritiklos aus den verschiedenen Quellen unseres sozialen Umfeldes und unserer Eitelkeiten genährt werden, sonst würde unser Eindruck über uns selbst allzu leicht zu einem schrecklichen, de-motivierenden oder gar neurotisch anmutenden Alptraum werden können. Wie oft klingen in uns Worte nach wie:
- "Du bist niemals
pünktlich."
- "Du kannst niemals Ordnung halten."
- "Du musst ein Könner werden."
- "Man kann sich nicht auf Dich verlassen."
- "Du hast ja noch nie Dein Wort gehalten."
- "Einmal 5,00 m gesprungen, immer 5,00 m gesprungen."
Manchmal
mögen diese Anwürfe gegen uns auch etwas indirekter ausfallen:
"Ich kann gar
nicht verstehen, dass gerade Du
- diese Zensur erhalten
- das Abitur geschafft - diesen Job, diese Auszeichnung erhalten
- dieses Spiel, diesen Wettbewerb gewonnen - ... hast."
- "Früher oder später wirst Du Dich doch den Realitäten
stellen müssen."
Aber
stimmen diese Anwürfe wirklich?
Kann man sich z. B. wirklich niemals auf uns verlassen?
Haben wir wirklich noch nie unser Wort gehalten?
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Nein, solche Aussagen werden in der
Regel unüberlegt dahin geredet, zusammenhanglos und unkritisch
formuliert, auf Ablenkung angelegte Allgemeinplätze. Sie stehen
meist in keinem Zusammenhang mit der kritisch betrachteten
Wirklichkeit und widerspiegeln eher Interessen oder
Charakterschwächen jener, die uns nur oberflächlich wahrnehmen
und uns in bestimmte, ihnen genehme Schablonen pressen als sich
mit uns intensiv und ganzheitlich kritisch auseinandersetzen
wollen.
Und dennoch darf man die mentalen Spuren
und Gravuren, die solche unkritisch dahin geredete Worte in uns
hinterlassen, nicht unterschätzen:
Im Inneren nicht weniger Menschen widerhallen und wirken sie oft
ein Menschenleben lang, wenn sie zuvor nicht kritisch
aufgearbeitet wurden.
Die nachdenkliche Betrachtungsweise der Einflüsse unseres sozialen Umfeldes auf uns zeigt, wie sehr wir auch von außen mitgeprägt worden sind und mitgeprägt werden. Wir können diesen Mitprägungen nicht aus dem Wege gehen und müssen erkennen, dass solche Einflüsse aus unserem sozialen Umfeld im Kontext mit unseren Erbanlagen und unserer Kindheitserziehung einen enormen Einfluss auf uns ausüben. Diese Erfahrungen und Einflüsse legen den Grundstein unseres Verhaltens und entwickeln es unaufhaltsam fort.
Deshalb ist es wichtig, welche Antworten, welche Erwiderungen, welche Reaktionen wir bewusst oder unbewusst auf unsere verschiedenen Vorprägungen und Erfahrungen geben. Wir können uns zwar - wie gesagt - einerseits gegen die verschiedenen Einwirkungen von außen nicht wehren, ihnen auch nicht aus dem Wege gehen. Andererseits aber kann uns umgekehrt auch niemand unsere Freiheit, unsere innere Kraft, unsere Eigenverantwortlichkeit nehmen, auf diese Reize von außen innerlich so zu antworten, so zu reagieren, wie wir es wollen - wenn wir es denn bar aller Eitelkeiten wollen.
Auch diese Anlage in uns, unsere Antworten auf äußere Reize und Einwirkungen innerlich frei wählen und auswählen zu können, macht einen großen Teil unseres menschlichen Seins aus: Aus dem Zusammenwirken der freien Wahl unserer Antwort(en) auf das Leben und Erleben, das uns umgibt, erwächst unsere typisch personale Identität. Mit unserem kritischem Selbst-Bewusstsein entsteht unsere Phantasie, unsere Vision, unser Gewissen sowie letztlich unser freier, unabhängiger und ungezwungener Wille.
Und diese Eigenschaften versetzen unter allen Lebewesen nur uns Menschen in die Lage, unser eigenes Lebensprogramm zu schreiben, weiterzuentwickeln, zu verändern der gar wieder zu verwerfen: Wir selbst sind ver-antwortlich für unser eigenes Leben, denn nicht schon die äußeren Lebensbedingungen und Einwirkungen sondern erst unsere eigenen Entscheidungen, unsere eigenen Antworten auf diese Bedingungen, Einwirkungen und Erfahrungen prägen unsere Einstellungen zum Leben. So ist es stets erst unser eigenes Tun, unser eigenes Handeln, es sind stets unsere eigenen Aktivitäten, unsere eigenen Anstrengungen, nicht unsere Passivitäten, die uns dauerhaft stolz, zufrieden und erfolgreich machen können.
Und
weil wir stets auf unser soziales Umfeld antworten
(können),
sind wir ver-antwortlich oder mit-ver-antwortlich,
dass etwas geschieht, dass unser Leben und wie unser Lebensraum
gestaltet wird.

Ohne Zweifel macht es einen
wesenhaften Unterschied, ob die Einflüsse von außen
physikalischer, ökonomischer oder psychischer Art sind. Aber
unsere eigene Identität darf sich hierdurch niemals ändern oder
verändern: Selbst unsere schlimmsten, schmerzhaftesten
Erfahrungen können unsere eigene Identität zusätzlich festigen
und unsere inneren Kräfte zusätzlich kompensieren, stärken und
bestärken, um in Freiheit selbst mit schwierigsten Umständen
und Bedingungen fertig zu werden.
Wir alle kennen vermutlich Mitmenschen,
die selbst schwierigste Situationen gemeistert haben, die selbst
in schwerer Krankheit oder mit intensiven Behinderungen ihre
Mitmenschen durch ihre persönlichen Antworten auf diese
Gegebenheiten innerlich bereichert und inspiriert haben:
Diese Erfahrungen zeigen uns eindeutig, dass wir im Letzten also
stets selbst bestimmen, ob wir "pro-aktiv" oder "re-aktiv" auf die unterschiedlichen Fremdeinflüsse
antworten.
Zur Definition: Re-aktive Menschen verhalten sich überwiegend passiv und sind weitgehend von äußeren Gegebenheiten und Einflüssen wie z. B. vom Wetter abhängig. Sie entscheiden nicht autonom, sondern ihr äußeres und inneres Umfeld wirkt an allen Antworten stets mehr oder weniger umfangreich, mehr oder weniger essentiell mit, denn der re-aktive Mensch wird immer bestrebt sein, sein eigenes Umfeld ggf. möglichst umfangreich in die Mit-Verantwortung einbeziehen zu wollen und können.
Re-aktive
Menschen sind von ihrem
sozialen Umfeld und von dem sozialen Klima, in das sie
eingebunden sind, tiefgreifend abhängig, ohne es wirklich und
nachhaltig selbst ändern oder verändern zu wollen.
Re-aktive
Menschen handeln stets erst
sehr spät und lassen sich deshalb schnell von ihren spontanen
Emotionen und Sicherheitsempfindsamkeiten, von den umfangreichen
äußeren Bedingungen leiten. Sie machen ihr emotionales
Wohlbefinden am Verhalten anderer, an überkommenen, einmal von
anderen übernommenen oder festgelegten Werten, Wertvorstellungen
oder Spielregeln fest.
Es geht ihnen erst dann gut, wenn andere Menschen sie ohne ihr
eigenes Zutun gut und nett behandeln. Sie ziehen sich aber aus
dem Geschehen wieder zurück oder suchen Fürsorge oder Schutz
bei anderen Menschen, wenn es ihnen in ihrem eigenen sozialen
Umfeld schlecht geht.
Re-aktive Menschen
sind leicht verletzbar und nicht
bereit oder in der Lage, bewusst selbständig zu handeln und zu
entscheiden oder grundlegende Verantwortung(en) allein und
autonom zu übernehmen.

Auch auf pro-aktive
Menschen nehmen die von
außen auf sie zukommende Reize und Einwirkungen aller Art
Einfluss, aber ihre pro-aktive
Antwort(en) auf diese bewusst
oder unbewusst aufgenommenen Einwirkungen ist/sind nach
eingehender Analyse wohl überlegt sowie sorgfältig durchdacht
und plaziert. Pro-aktive
Menschen kreieren ihre
Antwort(en) weder launisch noch stimmungsabhängig oder
unkritisch. Für ihre Positionierung und ihre Antworten ist es
unbedeutend, ob es z. B. regnet oder die Sonne scheint, welche
Meinung Nachbarn, Verwandte, Bekannte, Vorgesetzte, Pfarrer,
TV-Moderatoren, Politiker oder Gewerkschaftler vertreten. Allein
ihre persönlichen, in die Zukunft gerichteten Visionen zum
Sachverhalt oder zu ihren Erfahrungen, ihre eigenen Wert- und
Zielvorstellungen prägen ihre Entscheidungsantworten.
Pro-aktives Handeln will aber nicht gleich gesetzt werden mit dem Konzept des "positiven Denkens": Wer alles nur positiv sieht und denkt, der verfällt zu leicht in passive Schönfärberei und verkennt zu schnell das Floating der Wirklichkeit. (Ein satirischer Satz sagt: Wer für alles offen ist,der kann letztlich nicht ganz dicht sein.)
Der Pro-aktive dagegen akzeptiert und analysiert die Wirklichkeit und ihre zutreffenden Umstände emotionslos. Er kreiert aus dem Ergebnis seiner Analyse leidenschaftslos und Ziel orientiert eine positive Problemlösung.
Wer
möchte sich da nicht wünschen,
selbst kein re-aktiver sondern ein pro-aktiver
Mensch
zu sein oder zu werden!
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Wer
möchte nicht von sich selbst sagen wollen oder sagen können
"Ich bin das, was ich
jetzt bin, weil ich mich zuvor so entschieden
habe"!
Doch es ist gleichzeitig auch sehr schwer ein pro-aktiver Mensch zu sein oder zu werden. Re-aktive Menschen haben es in mancher Beziehung auf den ersten Blick scheinbar oft wesentlich leichter und einfacher: Sie haben und (er-)finden stets gute Gründe, ihre Misere, ihr Unwohlsein, ihre Fehler und ihrem Misserfolg an anderen Menschen und anderen Umständen festzumachen und diese für das Ergebnis verantwortlich zu machen, um selbst keine autonome Antwort geben zu müssen und um sich selbst so der Eigenverantwortlichkeit zu entziehen.
Es liegt mithin an jedem selbst, seine
eigenen Ressourcen effizient zu erkennen, einzusetzen und
Initiativen zu ergreifen, also pro-aktiv zu handeln.
Pro-aktives
Handeln aber schließt
Aggressivität, Aufdringlichkeit und blinden Aktionismus aus.
Pro-aktive
Menschen konzentrieren ihre
persönliche Kraft auf das Machbare.
Re-aktive
Menschen lenken stattdessen
ihre Aufmerksamkeit vornehmlich auf Schwachpunkte anderer, auf
Probleme in ihrem Umfeld und auf Umstände, auf die sie selbst
keinen Einfluss haben.
Ein weiteres Kennzeichen unserer
menschlichen Existenz, unseres Seins ist unsere Fähigkeit,
Vereinbarungen zu treffen und Versprechen zu geben.
Wir können mit uns und mit anderen Vereinbarungen treffen und
sie erfüllen oder nicht erfüllen.
Wir können uns selbst und anderen Versprechen geben und sie
halten oder nicht halten.
Wir können uns selbst und anderen Ziele setzen und daran
arbeiten, dass diese Ziele erreicht werden oder es sein lassen.
Indem wir Vereinbarungen treffen und sie verwirklichen - kleine wie große, bedeutende wie unbedeutende -, entwickelt sich in uns ein inneres Einvernehmen, eine innere Sicherheit, die uns eine bewusste Selbstkontrolle ermöglicht und uns die notwendige Kraft und Unerschrockenheit sowie den notwendigen Mut zum eigenen Ja, zum eigenen Verantwortlichsein für unser Leben verleiht.
Pro-aktives Handeln kommt dadurch klar und wesenhaft zum Ausdruck, dass wir die Vereinbarungen, die wir mit uns selbst und mit anderen getroffen haben, halten und ebenso Versprechungen, die wir uns und anderen gegeben haben, einlösen.
Wenn wir unsere Antworten, unsere Entscheidungen wahrmachen, wenn wir sie Wirklichkeit werden lassen, wenn wir besonders Vereinbarungen, die wir mit uns selbst treffen, und Versprechen, die wir uns selbst geben, dann auch konsequent einhalten und gestalten, dann entwickeln wir in uns die Grundlagen zur kritisch selbstbewußten Selbstkontrolle und zum pro-aktiven Handeln sowie die Kraft zur Selbst-Entwicklung, zur Selbst-Verwirklichung und zum Selbst-Wandel und dann eröffnet sich in uns die Möglichkeit, unseren freien, ungezwungenen, unabhängigen Willen und unsere Vision(en) zu verwirklichen.

Die Sprache ist ein
wesentlicher Indikator dafür, ob Menschen re-aktiv oder pro-aktiv
denken und handeln.
Typische re-aktive
Antworten sind etwa die
folgenden:
- Es tut mir
aufrichtig leid, aber ich konnte nicht anders entscheiden.
- Da kann man leider nichts machen.
- Ich musste leider so handeln.
- Das würde niemand erlauben/genehmigen.
Typische
pro-aktive Antworten könnten
dagegen etwa so lauten:
- Lassen Sie uns nach
einer Alternative Ausschau halten.
- Ich kann Ihnen noch einen anderen Lösungsweg vorschlagen.
- Welcher Lösungsweg schwebt Ihnen vor?
- Ich werde meine(n) Partner zu überzeugen versuchen.
Eine besondere Eigenart des re-aktiven
Sprachgebrauches ist es, dass der re-aktive
Mensch
seiner Antwort auf äußere Einflüsse oft und gern eine
Negativ-Einfärbung mit auf den Weg gibt. Viele Menschen, ganz
besonders Politiker und Gewerkschafter, artikulieren sich
überhaupt gern durch überzogene, negative Kritik.
Manchmal kommt der Eindruck, dass dieser Personenkreis mit den
Mitteln der überkommener Bußprediger vergangener Jahrhunderte
gerade in den re-aktiven Menschen das innere
Angst-Potential aktivieren wollen, um dann - gleichsam wie
"Phönix aus der Asche" - diesem Personenkreis die
ihnen eigene Verantwortung abnehmend Entscheidungen anzubieten,
anzutragen, die letztlich nicht mehr den Adressaten sondern
vornehmlich den eigenen Interessen dienen.
Zu diesem Personenkreis zähle ich Politiker wie
Gewerkschaftsfunktionäre aber auch manche (sogen.?) Theologen
und ganz besonders Versicherungsagenten aller Art.

Die Massenmedien haben daraus längst ihre Konsequenzen gezogen:
"Good news are bad news." Lautet der Grundsatz im
Journalismus. Wir alle machen mittlerweile die Erfahrung, dass
gute Nachrichten in den Zeitungen und Nachrichtensendungen kaum
noch wahrgenommen werden, während Sensations- und
Katastrophenberichte weidlich ausgeschlachtet, laufend - oft
Monate und Jahre andauernd - wiederholt und ausgebreitet werden
sowie manchmal auch noch Extrablätter oder TV-Sondersendungen
nach sich ziehen.
Vergleichbare Erfahrungen macht man auch
im Marketingbereich: Statistisch betrachtet gibt ein zufriedener
Kunde seine positiven Erfahrungen mit einem Produkt oder mit
einer Dienstleistung an drei andere Zeitgenossen weiter, während
ein unzufriedener Klient seine negativen Erfahrungen gleich an
elf Personen seines sozialen Umfeldes verbreitet - so jedenfalls
angeblich das Ergebnis amerikanischer Erhebungen.
Re-aktive Menschen sind oft sehr unsicher; sie wollen sich die Erfahrung "Good news are bad news" für sich selbst nutzbar machen und zum Ausgleich ihrer Unsicherheit durch negativ anmutende Prophetien ihre eigene Meinung sich selbst und anderen gegenüber abstützen, um im Falle des negativen Ausgangs, andere in die Ursächlichkeit oder Verantwortung einzubeziehen und sich selbst ganz oder teilweise auszuklammern. Ihre eigene Antwort, ihre ganz persönliche Positionierung, werden sie stets 'gleichschwebend' nach allen Seiten offen lassen.
Kommt es dann aber tatsächlich zu einem negativen Ausgang, dann wollen re-aktive Menschen im Nachhinein durch wiederholte und unüberhörbare Aussagen wie "Das habe ich kommen sehen!" oder "Das habe ich ja gleich geahnt!" oder "Ich hatte Dich gewarnt, aber ...!" ihr eigenes Selbstvertrauen bestärken und gegenüber den anderen ihre Sach- und Meinungskompetenz anmahnen und unterstreichen.
Sie schrecken auch nicht davor zurück, anderen Menschen Vorwürfe zu machen oder andere Menschen "in die Pfanne zu hauen", wenn es um ihren eigenen Vorteil geht.
Geht eine Sache dann aber dennoch positiv
aus, so werden sie von ihren Handlungspartner oder von ihren
Mitmenschen in den seltensten Fällen wegen ihrer
Negativ-Vorhersage angesprochen oder zur Rede gestellt. Sie
werden auch von sich aus nicht auf den anderen zugehen und ihm z.
B. sagen: "Es tut mir leid, ich habe mich damals
geirrt."
Von innerer Angst und Unsicherheit geleitet finden sie auch für
diesen Fall stets eine (schein-)plausible Antwort.
Ein anderes Kennzeichen im Sprachgebrauch des re-aktiven bzw. des pro-aktiven Menschen ist sein Umgang mit den Wörtern "haben" und "sein":
"Ich
werde glücklich sein, wenn ich mein Haus bezahlt, meine Examina
abgelegt habe."
"Ach wenn ich doch nur nicht einen Diktator zum Chef, einen
geduldigen, ausgeglichenen Lebenspartner, folgsame Kinder
hätte."
"Wenn ich mehr Zeit für mich selbst hätte, dann
...!".

Dies alles sind re-aktiv typische Aussagen, die stets direkt oder indirekt mit dem Gedanken
des "Habens", des Besitzens verknüpft sind.
Der Pro-aktive wird seine Aussagen vornehmlich mit dem Wort "sein" und dessen Varianten gestalten: "Ich kann/werde/will geduldig, klug, freundlich, fleißig, sorgfältig, anders, kooperativ sein."
Auch wenn es scheinbar einfach ist, anderen Vorwürfe zu machen, andere in die Eigenverantwortung einzubeziehen, so ist doch jeder Mensch letztlich für sich und sein Leben selbst verantwortlich; es liegt an jedem selbst, die beeinflussbaren Dinge in seinem Umfeld zu verändern und/oder mitzugestalten.
Re-aktives Unterrichten ist heute - morgen ist pro-aktives Coaching.
.
Nicht erst das moderne Management hat erkannt und formuliert, dass das "Haben" und das "Sein" nicht nur harmlose, untergeordnete Hilfsverben sind sondern sprachliche, autosuggestiv wirkende Charakteristika existentieller Grundverhaltensweisen des Menschen zum Ausdruck bringen.
Deshalb hat sich nicht nur Erich Fromm beispielhaft mit den Inhalten des "Habens" und des "Seins" beschäftigt. Aber auch viele andere Denker wie z.B. Gabriel Marcel, Karl Marx und Balthasar Staehelin hatten sich ausführlich mit dem Prinzip des Habens und des Seins auseinandergesetzt, weil auch sie in der Problematisierung des Habens und des Seins existentielle Grundsäulen unseres Lebens als einem Leben zwischen Sein und Haben erkannten.

Zugegeben, menschliche
Wirklichkeit lebt nicht aus einer Schwarz-Weiß-Malerei, nicht aus einer Schubladen-Systematik.
Menschliches Leben und Werden ist niemals "klinisch
rein" (Theodor Adorno). Es lebt vielmehr in und aus den
vielen Nuancen zwischen schwarz und weiß, zwischen links und
rechts, zwischen hoch und tief, zwischen oben und unten. Und
dennoch ist zunächst ein gedankliches Verabsolutieren angezeigt,
um die immanenten Unterschiede deutlich markieren zu können.
Möglicherweise werden nur wenige Leser auf den ersten Blick im Haben und im Sein einen wesenhaften Unterschied erkennen wollen, denn etwas zu haben, das scheint zunächst doch ganz normal zu sein: "Wer hat, der hat.", "Wer nichts hat, der ist auch nichts." oder "Was nichts kostet, das ist auch nichts.".
Und wer denkt da nicht gleich
auch an Gottfried Kellers Novelle "Kleider machen
Leute". Ja, um überhaupt leben zu können, um uns
überhaupt an etwas erfreuen zu können, dazu müssen wir
scheinbar zuvor etwas haben.
Jeder
Mensch hat
also irgend etwas, er hat seinen Körper, er hat
seine Kleidung, seine Wohnung, sein Ein- und Auskommen, sein
Wissen, sein Auto.
Wir haben
eine Frau oder einen Mann
oder Kinder; wir haben Sorgen, Bildung, eine Wohnung, eine
Eigentumswohnung, einen Haus, einen Beruf, manche haben
anscheinend die Wahrheit oder den Erfolg, Erfahrungen, Gesundheit
oder Krankheit.
Wir
haben ein
Mitteilungsbedürfnis oder einen Nachholbedarf, ein (gutes oder
schlechtes) Gewissen oder auch einfach mal "Hummeln im
Bauch" oder auch "Schmetterlinge im Bauch".
Wir haben
Recht oder wir haben ein
Recht auf ... . Manche
Staaten garantieren ihren Bürgern sogar teilweise das Haben
als ein besonderes Rechtsgut der Besitzstandswahrung.
Manchmal
scheint es, dass es nichts gibt, was man nicht in der
existentiellen Formatierung des Habens haben könnte.
Kein Wunder also, wenn Menschen glauben, - einzeln oder kollektiv - ein/ihr "Recht zu haben" und wenn sie sich dieses Recht nicht nur durch ihre Rechtschutzversicherung sondern auch durch unterschiedlich intensive Formen und Qualitäten von Gewalt - denken wir nur an die Krawalle oder an die vielen tätlichen Auseinandersetzungen bei Demonstrationen - kompromisslos verschaffen wollen oder gar tatsächlich verschaffen.
Ja, es scheint politische
Strömungen zu geben, die sogar ein Recht auf Gewalt zumindest
gegen Sachen zur Durchsetzung eigener Interessen und Rechte
postulieren. Sich miteinander zu arrangieren, zu vergeben, zu
verzeihen, einen neuen Anfang zu machen, diese alten Tugenden
früherer Konfliktbewältigung innerhalb menschlicher Sozietäten
scheint ganz in Vergessenheit geraten zu sein.

Auch die großen Denker und Forscher der Menschengeschichte, von
Buddha über Marx und Hegel bis hin zu den biblischen Erzählern
der Evangelien, haben sich immer wieder mit dem Prinzip des Habens und mit dem des Seins in den menschlichen Daseinsformen
auseinandergesetzt. Sie haben sich aber in ihren Reden und
Schriften überwiegend auf das existentielle Prinzip des Seins
beschränkt. Vielleicht vermögen die folgenden plakativen
Gegenüberstellungen ansatzweise erste Unterschiede dieser zwei
grundlegend verschiedenen menschlicher Lebensformen des Habens
und des Seins erspüren und deutlich werden zu lassen:
Freude
haben - Freude sein,
Glück haben - Glück sein,
Frieden haben - Friede sein,
Kraft haben - Kraft sein,
einen Freund haben - Freund sein,
Macht haben - Macht sein,
Sehnsucht haben - Sehnsucht sein,
Schüler haben - den Schülern Lehrkraft sein,
Angst haben - Angst sein.
Alle Beispiele zeichnen bereits
deutliche Unterschiede des Habens und des Seins:
Das Haben umschreibt fast immer einen statischen, auf sich
selbst bezogenen, bereits vorhandenen Besitzstand, ein historisch
bereits abgeschlossenes, scheinbar unumkehrbares "in Besitz
genommenes Haben".
Das Gegenüber, das Sein, ist dagegen - mehr oder weniger
- fast immer ein in einen Evolutionsprozess des Präsenz
eingebunden, der seine Fortsetzung im zukünftigen Werden
bedingend einschließt.
Das Prinzip
des Habens und das des Seins fordert zu einer tieferen
Betrachtungsweise dieser beiden grundlegend unterschiedlichen
Existenzweisen auf. Aus der Sicht der menschlichen Existenz
hinterfragt bedeutet "Haben" etwas besitzen, von
etwas Besitz ergreifen, eine Beziehung zum Besitz um des Besitzes
wegen aufbauen oder haben, durch Einverleiben sogar in besonderer
Weise etwas haben, von etwas Besitz ergreifen.
Diese wesenhafte Bedeutung des Einverleibens als eine besondere
Form des Habens, des Besitz Ergreifens, zeigt sich auch im
Kannibalismus: Indem man einen Menschen 'aß' und ihn sich damit
einverleibte, versuchte man, seine spezifischen Eigenschaften
für sich zu erwerben und diese in seine eigenen Eingeweide als
Besitz dauerhaft einzulagern.
Wohl niemand wird auch heute bestreiten wollen oder können, dass z. B. die Nahrungsaufnahme, das Einverleiben von ernährungsrelevanten Substanzen oder Medizin, eine lebensnotwendige Form des Habens und Besitzergreifens ist. Auch deshalb ist das Haben nicht schon für sich allein verdächtig oder ablehnenswert.
Wenn wir Säuglinge
beobachten, dann können wir sehr leicht und sehr schnell
erkennen, welche bedeutsame Rolle gerade das Haben in ihrer kleinkindlichen Entwicklung hat.

Interessanterweise geben heute viele erwachsene Menschen vor,
"aus dem Bauch heraus" zu sprechen, - vielleicht weil
sie in diesem Augenblick unbewusst den Bauch als symbolische
Aufbewahrungsstätte des Einverleibten, des Besitzes, des Habens empfinden. Und möglicherweise verbirgt sich
hinter dem suchthaften Rauchen, hinter Alkoholismus und
Drogensucht auch eine Form des versuchsweisen, des letztlich dann
doch erfolglosen Einverleibens bestimmter menschlicher Zustände
oder Eigenschaften, nach denen man auf der Suche ist und die man
unbedingt "haben" will.
Neben den materiellen Einverleibungen
gehört zur menschlichen Grundstimmung des Habens auch die symbolische Einverleibung: Eine für uns
negative oder unangenehme Mitteilung "schlucken wir als eine
bittere Pille". Oder denken wir nur einmal an den berühmten
Placebo-Effekt mit Tabletten ohne wirkliche chemische Wirkstoffe.
Wir "schlucken" überhaupt vieles: Mitteilungen,
Informationen, Behauptungen, Unterstellungen oder Verletzungen
anderer statt sie mit unserem Gegenüber, mit unserem
Kommunikationspartner auszudiskutieren, um dann eine, vielleicht
auch gemeinsame Antwort zu finden oder zu geben.
Dieses Haben bzw. Besitzen ist also nicht nur auf materielle Werte begrenzt; es schließt vielmehr auch immaterielle Werte wie z. B. Glauben, Wissen, Bildung, Erfolg, Erfahrung(en), Wahrheit, Recht(e), Fertigkeiten, Schönheit, Mitteilungsbedürfnis, soziale Beziehungen und Beziehungsfelder mit ein: Ich habe diese oder jene Bildung; ich habe Erfolg; ich habe den Glauben; ich habe jetzt das Mitteilungsbedürfnis.
Auch das Umarmen eines Menschen kann gelegentlich zu einem Symbol des Habens und Besitzens werden.
Aber nicht das Besitzen als solches ist das, was den Habenden prägt und ausmacht; es ist vielmehr seine individuell-funktionale Beziehung, die Qualität seines funktionalen Verhältnisses zu seinem materiellen oder immateriellen Besitz, zu seinem Wissen, zu seiner Arbeit, zu Natur und Umwelt, also die Qualität seiner Antwort(en) auf die existentielle Grundhaltung des Habens, "seines" Habens.
So gibt es nur wenig, das nicht sowohl aus der Grundhaltung des Habens als auch aus der Grundhaltung des Seins betrachtet oder verhandelt werden könnte. Z. B. kann der Verzicht, das Verzichten ansich seine qualitative Orientierungsdefinition sowohl im Haben also auch im Sein finden. Es ist deshalb oftmals schwer festzustellen, ob ein Mitmensch letztlich aus seiner Grundstimmung des Habens oder aus der des Seins heraus handelt.
Ebenso muss die Tatsache des Nicht-Habens nicht schon deshalb eine Orientierungsalternative
zum Haben sein. Auch der kritisch Handelnde selbst mag
vermutlich seine analytischen Schwierigkeiten gelegentlich damit
haben, in seinem Tun und Denken die Sichtweise des Seins oder
des Habens bewußt zu erkennen und getrennt mit sich
selbst zu verhandeln.
Deshalb wird so mancher Zeitgenosse z. B. nicht schon allein
durch das Nicht-Haben eines Autos oder eines Fernsehers
oder eines Computers zum Seienden. Auch das Nicht-Haben
kann zur Grund-Orientierung des Habens werden, wenn der Betroffene die Anschaffung eines Autos
oder eines Fernsehers letztlich als Verlust empfindet.
Unser Konsum- und Konsumentenverhalten, ja unsere gesamte Industrie-Gesellschaft basiert überwiegendst auf dem Prinzip des Habens: Man möchte die ganze Welt haben, verschlingen, vereinnahmen - oder zumindest doch die Möglichkeit hierzu haben, besitzen.
Diese existentielle
Grund-Stimmung der Konsumgesellschaft macht es notwendig, dass
wir möglichst überwiegend Habende sind
und als Habende leben. Als Habende sind
wir wiederum höchst willkommene, ideale Konsumenten im Szenario
einer längst überkommenen Industrie-Gesellschaft:

- Als Habende
bedürfen wir fast zwingend der Versicherungen aller Art,
damit unser Besitz auf alle erdenkliche Art durch Dritte
möglichst optimal gegen (s)eine Verringerung, also gegen
(s)einen Haben-Schwund oder gar Liquidierung, also gegen
ein 'Nicht-mehr-haben' geschützt werden kann.
- Als Habende
bedürfen wir der Kosmetika aller Art,
damit sich der Besitz unserer äußerlich sichtbaren Schönheit
oder Jugend nicht verringert oder vermindert sondern sich mehrt
oder vermehrt oder gestärkt oder zumindest deutlich stärker zum
Ausdruck kommt.
- Der Habende bedarf ständig der bestätigenden Anerkennung seines Besitzes durch seine Mitmenschen. Er wird um diese Anerkennung mit hohem Einsatz feilschen und buhlen wollen. Mangelnde oder mangelhafte oder unaufrichtige Nicht-Anerkennung kann ihn verletzen.
- Der Habende ist nicht bereit, von seinem Besitz abzugeben oder seinen 'Be-sitz' gar mit anderen zu teilen.
Allenfalls wird der Habende nach Kompensationsmöglichkeiten seines Bindungsbedürfnisses Ausschau halten.
Er ist fasziniert von der vermuteten Unsterblichkeit und von allem scheinbar Unsterblichen.
Dabei darf nicht verkannt werden, dass gerade der sich steigernde Konsum, das vermehrte Habenwollen als Konsumentenverhalten des Menschen die systemimmante, zentrale Basis und Dimension für ein wachsendes Brutto-Sozialprodukt der westlichen Industrie-Staaten und für das Funktionieren der Welt-Wirtschaft ist.
Nachdem uns die vergangenen Jahrzehnte
das materielle Haben in unterschiedlichen Gestalten und
Wirkungsgraden sehr umfassend ermöglicht haben, nachdem wir nach
über 50 Jahren "Wirtschaftswunder" nun die
vielfältigsten, schwerwiegenden, weltweiten Spätfolgen dieses
materiellen Habens in Umwelt und Gesundheit tragen,
ertragen und aufarbeiten müssen, nachdem sich diese lustvolle
Befriedigungsform als Quelle menschlichen Glückes, menschlichen
Wohlseins, endgültig nicht bestätigt und statt dessen als
untauglich erwiesen hat, lenken die weltweiten, systemimmanenten
Wirtschaftskräfte das Konsumentenverhalten nun auf eine andere Form des Habens, auf den Informationsbesitz durch möglichst viele Menschen bzw. auf den
Besitz der Möglichkeit zu verschiedensten Informationen Zugang
zu haben: Informationskonsum (z. B. Internet im Zusammenwirken
mit Datenbanken und Newsgroups) ist angesagt. Und niemand
hinterfragt seriöserweise, ob diese Informationen wirklich
wichtig sind oder gebraucht werden. Es geht allein um das Haben,
um das Besitzen von Informationen.
Ein neuer Markt
des Habens tut sich
auf - wiederum zu Gunsten der Weltwirtschaft und des
Bruttosozialproduktes.
Die
Frage, was würde weltwirtschaftlich eigentlich geschehen, wenn
sich die Mehrheit der Menschen "vom Haben zum Sein" hin
entwickeln würde, mag hier unbeantwortet bleiben - obgleich dies
eine sehr spannende und Folgen schwere Überlegung wäre, die im
Falle der Verwirklichung der Industriegesellschaft
unübersehbare, schicksalhafte Auswirkungen bescheren würde.

Umfangreichen Informationsbesitz
einiger weniger Menschen hat es in der Menschengeschichte schon
immer gegeben, denken wir einmal an die vielen historischen
Bibliotheken in Schlössern, Klöstern oder Universitäten.
Heute sind es dagegen die Nachrichten-Sendungen in Funk und Fernsehen, die Tages- und Wochenzeitungen, Internet, T-Online, Datenbanken und Datenautobahnen, die nicht nur dem Besitz von Informationen zur Effizienzsteigerung wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Unternehmungen dienen, sondern die möglichst viele Menschen teil-"haben" lassen wollen an für sie scheinbar wesentlichen, weltweiten Informationen und Datenbanken: Informationen haben, Wissen haben, bedeutet Macht haben. Informationen haben heißt Wissen haben - und Wissen ist Macht, so jedenfalls lehren uns dies die alten Griechen und Lateiner.
Auch wenn das Haben die am häufigsten durch Menschen erlebte Grundausrichtung und Existenzform ist, so implantiert das Haben gleichzeitig und zusätzlich in uns auch die Angst eines möglichen Verlustes des "habenden" Besitzes bzw. des um des Habens wegen einverleibten Gutes und Wissens.
Je mehr aber der Mensch seine Grundhaltung, seine Grundstimmung am Sein orientiert, um so leichter ist es für ihn, sich der Freude seiner Existenz hinzugeben und diese Freude zu erleben. Nur wer etwas hat, der kann auch etwas verlieren. Wer aber nichts hat, der kann nichts verlieren - denn:
- Je weniger der Mensch hat, um so weniger muss er Gedanken, Kreativität, Kraft und Zeit investieren, um seinen Besitzstand zu wahren.
- Der in der Grundstimmung des Seins lebende Mensch gewinnt stattdessen an Zeit und innerer Freiheit für die alternativen Schönheiten des Lebens und ihre kreative Gestaltung.
Nur wer nichts hat, der allein kann wirklich nahezu vollkommen loslassen.

Aus Angst vor möglichen
Verlusten wird sich der
Habende eher beobachtend-passiv verhalten, damit ihm nach
Möglichkeit nichts entgeht, was seinen Besitz gefährden,
einschränken, schmälern, zerkleinern oder verkleinern könnte: Er wird zum re-aktiv handelnden
Menschen.
Allzu leicht wird der Habende nicht
durch sich selbst sondern durch sein Haben, durch seinen Besitz und durch seine
Ängste eines möglichen Besitzverlustes gelebt. Ihm verbleibt
keine Zeit, keine Muße, (s)eine Vision der Zukunft, ja (s)eine
konkret-intellektuelle Zukunft zu entwickeln, sie vorausschauend
in Selbstvergessenheit zu leben und zu erleben.
Der Habende beobachtet in seinem Tages- und Lebensablauf überwiegend, was mit seinem Besitz bisher geschehen ist; er beobachtet in seiner Zeitgestaltung also überwiegend die Vergangenheit seines Habens, um allein seine Erfahrungen aus der Vergangenheit - empirisch ausgewertet - auf die Zukunft zu projizieren, um so seinen Besitz aus Angst vor der Inflation ausgleichend zu mehren, - ängstlich Ausschau haltend, ob sich diese Projektion dann auch zur erwarteten Wirklichkeit verwandelt.
Aus Angst vor Verlusten wird der Habende um des Besitzerhaltens willen einen intensiven Aktionismus betreiben ("Schließlich lebt man ja nur einmal!"). Möglicherweise wird er auch de-struktive, durch Gewalt geprägte Handlungsweisen in sein Agieren einschließen oder durch innere Handlungszwänge gar einschließen müssen.
Der Habende ist im besonderen Maße eitel und bedarf deshalb unbedingt der bestätigenden Anerkennung seines Besitzes durch seine Mitmenschen; er wird um diese Anerkennung mit hohem Einsatz feilschen und buhlen wollen. Letztlich kämpft der überwiegend Habende ständig gegen seinen drohenden Selbstverlust an.
Nicht so der Seiende: Wer seine Grundhaltung überwiegend am Sein orientiert, der wird nur wenig Zeit für vergangene Entwicklungen seines Besitzes einsetzen oder verschwenden wollen und der bedarf keinerlei Eitelkeiten - wohl wissend, dass die Zeit niemals angehalten werden kann, dass alle Vergangenheit bereits historisch ist und niemals wiederkehren wird, ja niemals wiederkehren kann.
Der Seiende
wird seine Gedanken, seine
Kreativität und seinen Gestaltungswillen pro-aktiv auf die Zukunft ausrichten, da jede Vergangenheit
für ihn bereits abgeschlossene Menschengeschichte ist.
Der Seiende
kennt keine Langeweile, da er sich
ständig selbst und auch den anderen lebt und erlebt.
Der Seiende
hat keine oder nur geringe Angst vor
dem Tod, denn er leugnet die Wirklichkeit des Todes nicht vor
sich selbst und (z. B. durch Kosmetika) vor anderen.
Der Seiende anerkennt sein Älterwerden und sein Altern als
eine Wirklichkeit auf dem Wege zu seiner eigenen menschlichen
Endlichkeit. Er sucht deshalb weder den Weg zur Beauty-Farm noch
den zu einem Fitness-Studio oder Kosmetik-Salon, um nach außen
hin dem Altern zu trotzen.
Da wir aber in einer
Gesellschaft des Konsums, des Besitzens und Einverleibens, also
in einer Gesellschaft des Habens leben bzw. erleben
müssen, da vor allem das re-aktive Haben alle Grundströme unseres sozialen Lebens
durchfließt und grundiert, fällt es schwer, ebenso viele,
ebenbürtige Beispiele des pro-aktiven Seins zu finden und aufzuzeigen. Erschwerenderweise
kommt hinzu, dass das Haben etwas konkret Fassbares oder Anfassbares
ist, während sich das Sein eher als
ein im Prozess befindliches, erlebtes Werden vollzieht.

Dieses Sein
des Menschen als seine Natur und Wirklichkeit
schließt ein, dass seine Aktivitäten, sein Werden, sein
Sichverändern wesentliche Teile seines Seins
und nicht seines Habens
sind.
Erich Fromm sieht im Haben und im Sein sogar die grundlegend unterschiedliche Fragen der menschlichen Existenz und des menschlichen Charakters als grundlegend unterschiedliche Erlebensformen des Menschen. Das Teilhaftwerden an der Existenzweise des Seins setzt das Vorhandensein von Unabhängigkeit, Freiheit und kritischer Vernunft voraus.
Kehren wir zur Problematik des re-aktiven bzw. des pro-aktiven Handelns in der Daseinsform des Habens bzw. des Seins nun wieder zurück:
Wir Menschen
sind zwar in unserem Handeln frei und eigenverantwortlich,
nicht aber in der Annahme
der Konsequenzen, die sich aus unserem Entschluss, aus unserem
Handeln zwangsläufig ergeben.
Wir sind zwar
frei in der Auswahl unserer Antworten und Erwiderungen auf
bestimmte Situationen,
aber wir entscheiden uns
gleichzeitig immer auch für die Konsequenzen, die sich daraus
unausweichlich ergeben und die wir uns nicht aussuchen können.
Wir können z. B. in Freiheit wählen, ob wir mit dem Auto gegen einen Baum fahren oder nicht. Wir können aber nicht entscheiden, welche Konsequenzen sich daraus für uns und für das Auto ergeben. Ein altes Sprichwort sagt: "Wer das eine Ende eines Stockes aufhebt, der hebt gleichzeitig auch das andere auf."
Sicher ist es jedem von uns schon einmal vorgekommen, dass man zunächst einen Stock aufgehoben hatte und später feststellen musste: Es war ein Fehler diesen Stock aufzuheben, man hatte den falschen aufgehoben bzw. man hätte diesen Stock nicht aufheben sollen/dürfen. Die Auswahl gerade dieses Stockes brachte Konsequenzen mit sich, die man nicht vorgesehen hat und die man nicht oder so nicht wollte.
Diese Erfahrung, die falsche Wahl getroffen zu haben, einen Fehler begangen zu haben, prägt unser weiteres Denken in besonderer Weise mit. Um so intensiver stellt sich uns die Frage in den Weg, wie reagieren wir auf eine Fehlentscheidung, wie beantworten wir diese Erfahrung.
Die re-aktive Antwort wird darin bestehen, dass man die Ursachen dieser
Fehlentscheidung außerhalb des eigenen Ichs im sozialen,
mentalen und/oder dinglichen Umfeld suchen oder in einem
vermuteten oder angenommenen Schicksal sehen und irgendwie auch
argumentativ darstellen wird.
Möglicherweise wird der Re-aktive sogar mit seinem Schicksal
hadern wollen ("Ich bin werde ständig vom Schicksal
verfolgt.").
Der
Pro-aktive wird seinen
Fehler, seine Fehlentscheidung bedauern, gleichzeitig wird er sie
aber als ein bereits historisches Ereignis betrachten:
Die Würfel sind gefallen, die vollzogene Antwort oder
Entscheidung kann nicht widerrufen, nicht rückgängig gemacht
werden; die Konsequenzen, Folgen aus dieser Antwort bzw.
Entscheidung konnten nicht abgesehen, nicht beeinflusst werden.
Der Pro-aktive wird Fehler, Fehlentscheidungen ohne Groll für
sich annehmen und analysieren, um eine Wiederholung des gleichen
Fehlers zu vermeiden.
So kann aus diesem Fehler so im wahrsten Sinne ein andere, eine
neue Antwort erfolgen, so kann ein Fehler also gewissermaßen zu
einem Erfolg werden.
Nicht die Fehler der anderen, nicht das, was die anderen Menschen tun, belastet uns, verletzt uns, sondern es sind allein unsere eigenen Fehler und Eitelkeiten, die uns am meisten verletzen. Unsere Antwort auf unseren Fehler gestaltet und belastet die Qualität unseres nächsten Augenblicks mit.
Roosevelt formulierte dies einmal so: "Niemand kann Dich ohne Deine Zustimmung innerlich verletzen." - und Gandhi ergänzt gewissermaßen: "Niemand kann uns unsere Selbstachtung wegnehmen, wenn wir sie ihm nicht geben."!?
Einen Fehler, eine Fehl-Antwort aber
nicht zu analysieren und nicht daraus die Konsequenzen zu ziehen,
das kann zu einem anderen, ebenso folgenschweren Fehlverhalten
hinführen: Selbsttäuschung, Selbstgerechtigkeit und
Verschleierung des ersten Fehlers werden schnell zu Wurzeln eines
zweiten, nachfolgenden Fehler.
Es ist deshalb wichtig, dass wir einen begangenen Fehler sofort
aufzuarbeiten und zu beantworten trachten, damit diese
fehlerhafte Antwort schon den nächsten Augenblick nicht mehr
mitprägen, mitgestalten kann.

Haben
oder Sein, re-aktive oder pro-aktive Lehrkräfte im
Instrumentalunterricht?
Kann man diese ansich
wichtigen Fragen mit dem instrumentalen Musikunterricht
überhaupt verknüpfen?
Ich meine Ja: Die grundlegend unterschiedlichen existentiellen Ansätze führen zu grundlegend unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten, zu unterschiedlich gestalteten Schüler-Lehrer-Verhältnissen und zu grundsätzlich unterschiedlichen Unterrichtsabläufen. So wünsche ich an dieser Stelle
Unterrichten ist heute - Coaching
ist morgen.
Doch nur die pro-aktive, dem Sein zugetane Lehrkraft
kann zur pzU-Lehrkraft, zum Coach mutieren.
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Über Ihr Feedback würde ich mich sehr
freuen.
Mein Suchdienst auf dieser Homepage
Meine
neue Internetpräsenz ist nun fertig gestellt:
http://www.Guenter-Kaluza.de
Wegen der vielen Besucher werde ich diese Internetpräsenz noch
beibehalten.
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