Sei stets für jeden Wandel offen, heiße ihn willkommen, mache ihm den Hof.
Du kannst nur weiterkommen, wenn Du Deine Meinungen, Ideen, Standpunkte überprüfst - wieder und wieder.
(Dale Carnegie)

 

 

Das einundzwanzigste Jahrhundert ...
(Notate für Musikpädagoginnen und Musikpädagogen)

 

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... hat längst begonnen.
Schauen wir zum Fenster hinaus: unsere Welt erfährt enorme Veränderungen, Reformen;
ein Prozess der großen Umwälzungen ist im Gange, der uns auch im Hinblick auf das ständig ansteigende, durchschnittliche Lebensalter in allen Bereichen menschlichen Lebens zugleich neue Möglichkeiten der Gestaltung eröffnet.
Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ist längst ausgeschöpft.
Die Menschen entwickel(t)en sich immer mehr von Dorfbewohnern über "Menschen aus der Provinz" und Großstädter zu Weltbürgern;
die Qualität von Produkten und Dienstleistungen gewinnt für den einzelnen immer mehr an Bedeutung;
ganze Industriezweige entstanden neu, andere sind wegen mangelnder oder mangelhafter Innovation vom Erdboden verschwunden;
es entstanden neue Berufe.

Effektivität, Effizienz, Kreativität, Aktivität und Mobilität sind zu neuen Grundwörtern unserer Sprachlichkeit und Kommunikation geworden.


Heute muss jeder Berufstätige mit einem (mehrfachen?) Berufs-, Einkommens- und nationalen oder internationalen Wohnortwechsel im Laufe seines Arbeitslebens rechnen. Die beiden militärischen Machtblöcke scheinen sich endgültig aufzugelöst zu haben; die europäischen Gemeinschaft wächst´weiter; die Länder der dritten Welt drängen auf die Weltmärkte: Aus Bittstellern und Zuwendungsempfängern werden emanzipierte Handels- und Verhandlungspartner. Und die ersten GUS-Staaten spekulieren bereits mit ihrer Mitgliedschaft in der NATO und in der EG. - Wer hätte das vor 20 Jahren noch gedacht!

Gleichzeitig hat unsere Mobilität in den letzten Jahrzehnten atemberaubend zugenommen; sie wird immer mehr zu einem wesentlich Bestandteil unserer Lebensbiographie: Heute kann sich fast jeder, fast unabhängig von Alter und Gesundheitszustand, mit hohen und höchsten Geschwindigkeiten fortbewegen, um per Auto, Motorrad oder Flugzeug in kurzer Zeit an fast jeden anderen geographischen (oder gar per Rakete an einen anderen planetarischen) Ort zu gelangen.

So können Professoren am Wochenende in Paris wohnen, unter der Woche in Frankfurt oder München lehren und in der Schweiz konzertieren; so können Politiker aus Berlin am Morgen in Berlin einen Termin wahrnehmen, mittags in Paris oder London konferieren und am Abend eine wichtige Rede in München halten; so können die Philharmonischen Orchester in Berlin und Wien, in Dresden und Toulouse, den gleichen Chefdirigenten haben oder deutsche Ärzte zum Wochenende an einem medizinischen Kongress in Athen teilnehmen, deutsche Musikverleger lassen längst die Notensätze für ihre neuen Produkte in Korea herstellen, um sie dann in osteuropäischen Ländern drucken zu lassen.
Oder: viele deutsche Zahnärzte lassen den für ihre Patienten benötigten Zahnersatz länst nicht mehr am Praxisort sondern in den östlichen Nachbarländern oder gar per Luftkurier in Fernost herstellen, oder ... .
Und nicht zuletzt hat auch die deutsche Einheit eine wahrhaft innerdeutsche Völkerwanderung ausgelöst.

Diese Mobilität hat aber auch diese globale Folgen:

Aber auch die Massenvernichtungswaffen und die Informationen sind höchst mobil geworden; sie erreichen heute in kürzester Zeit jede Stadt, jedes Dorf, jede auch noch so kleine Insel dieser Erde. Begrenzten sich menschenfeindliche oder menschenverachtende Verhaltensweisen in den vergangenen Jahrhunderten auf regional eindeutig abgrenzte Aktionsfelder, so wirkt dieses Konfliktpotential heute weltweit als globales Phänomen: Heute wird z. B. auf dem gesamten europäischen Territorium das türkische Kurdenproblem, das Nordirlandproblem, das Palestinänserproblem, das Jugoslawien-Problem, die Probleme mittel- und südamerikanischer Staaten und Revolutionäre, das russische Mafiaproblem, das Iranproblem, das Afganistanproblem oder überhaupt die Probleme des Islams thematisiert, während die US-Bürger zunehmend in das Taliban-Problem und in das Palästinenser-Problem involviert werden. - Ungefragt, denn keinem europäischen Bürger wurde je eine realistische Chance eingeräumt, mitzubestimmen, ob und in welches globale Problem sie/er sich als emanzipierter KonfliktpartnerIn involvieren lassen wollen.


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Seit wenigen Jahren werden wir zunehmend Zeugen
- einer postindustriellen Morgendämmerung in der Transplantations- bzw. Implantationsmedizin (der sterbende Mensch - demnächst ein biochemisches Ersatzteillager?),
- des Anbruchs einer Epoche der Datenautobahnen,
- des Eindringens der Computer in nahezu alle Lebensbereiche des Menschen,
- des fast unbegrenzten Informationsaustausches und Informationsflusses,
- der Geburt der Gen- und Biotechnologie
- und nicht zuletzt der revolutionären Veränderungen der menschlichen, sozietären Beziehungen in Ehe, (Groß-) Familie und Gesellschaft.





Im besitzorientierten Konsumdenken und Konsumentenverhalten des einzelnen widerspiegeln sich wesentlich die zunehmende Abkehr von der sozialen Mitverantwortung des Einzelnen für das Ganze.

An ihre Stelle treten die Interessen des Marketings in der Industriegesellschaft; und Sozietätsbildungen und Sozietätsbindungen können sich dann nur hemmend auf den Marketingerfolg auswirken:
Wer durch die gesellschaftlichen Kräfte (z. B. durch politische Parteien, Gewerkschaften, Konsumwerbung usw.) darauf ab- und ausgerichtet wird, verunsichert und verängstigt nur seinem eigenen sozialen oder geldwerten Vorteil nachzujagen, der ist vor lauter Angst und Verunsicherung nicht mehr in der Lage, "cool" zu bleiben und gelassen die virtuelle, geldwerte oder soziale "Gegenfinanzierung" aufzumachen, um die Vor- und Nachteile der jeweiligen Botschaft kritisch und der Objektivität nahe zu gewichten und abzuwägen.
Und da es in unserer Gesellschaft zunehmend immer mehr Menschen gibt, welche diesen gesellschaftlichen Zwängen entfliehen wollen, um frei zu sein oder wieder frei zu werden, gibt NLP (Neo-Linguistische Programmierung) dem Autoverkäufer, Personalchef oder Gewerkschaftsfunktionär neue Kommunikationstechniken in die Hand, um bestehende oder neu sich auftuende Widerstände zu brechen.

 

Der Ersatz von menschlicher und tierischer Körperkraft durch scheinbar grenzenlose Maschinenkraft oder gar Atomenergie, der Scheinersatz des menschlichen Gehirns und Verstandes durch den Computer und den Großrechner, die immer intensiver werdende Perfektionierung des Zahn-, Gliedmaßen- und Teilgliedmaßenersatzes hat die Menschen seit Beginn des Industriezeitalters beflügelt generationenübergreifend den Versuch zu unternehmen,
- die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts und die Hoffnung auf materiellen Überfluss und grenzenlose Freiheit,
- die Hoffnung auf die Quasi-Allmacht des Menschen,
- den Traum vom persönlichen Glück durch allein technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritt,
- die Hoffnung auf unbegrenzte Produktionsmöglichkeiten,
auf weltweite Absatzmärkte und nie enden wollende Konsumbefriedigung sowie letztlich auf absolute Unterwerfung der Natur zur neuen (Schein-)Wirklichkeit werden zu lassen.




Alt und Jung, Männer und Frauen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
waren durch die Industriegesellschaft und ihren Botschaftern
auf ein völlig neues Freiheitsgefühl und uneingeschränktes Glück orientiert.
Fortschritt wurde mangels Alternativen schnell
zur allein selig machenden Fortschrittsreligion und neuen "Heilslehre",
Wachstum zum vielversprechenden Wachstumsglauben.


Obwohl zunächst nur die Mittel- und Oberschichten an den materiellen Früchten der Industriegesellschaft teilhaftig waren, war in allen Menschen die zuversichtliche Hoffnung geweckt, dass nach und nach auch alle anderen gesellschaftlichen Schichten an diesen Früchten des Fortschritts partizipieren würden, wenn Wachstum und Fortschritt in der Industrie nur in gleicher Intensität (oder gar in gesteigerter) weiterhin fortschreiten würde und wenn Geld und Kapital dann nur noch entsprechend umverteilt würden.
Und so manche Gewerkschaftsfunktionäre 'glaubten' tatsächlich, durch ihr Tun und Handeln den Traum vom großen Glück ein wenig schneller erfüllen zu können; bei Rückschlägen hatte man nach der Methode "Haltet den Dieb" in den Arbeitgebern schnell einen strapazierbaren Schuldigen gefunden:
Das Feindbild "Arbeitgeber" wurde zunehmend und leider nicht ohne Erfolg aufgebaut.

Die Ketten der Ausbeutung erschienen dem Menschen mit diesem Weg als ein für alle Male abgelegt,
alle Fesseln schienen zumindest reduziert wenn nicht schon gebannt zu sein:
Würde man nur dereinst uneingeschränkt über Reichtum und Konsum verfügen,
dann würde sich zwangsläufig und ebenso uneingeschränkt und ungeteilt
auch das heiß ersehnte Glück und Glücklichsein bei jedem einzelnen Menschen und in der Gesellschaft
als Ganzes zuversichtlich einstellen.

 

 

Die Fragestellung und Sehnsucht
um das menschliche Glück und um den Sinn menschlichen Lebens
hat sich über die Jahrhunderte bis zum heutigen Tage
anscheinend nicht verändert.





Bereits den Schriften der griechischen Antike können wir lange vor dem Entstehen der jüdischen und christlichen Heilslehre entnehmen, wie sehr die Menschen aller Jahrhunderte ihr Denken und Tun, ihr ganzes Handeln und ihre Lebensgestaltung auf die Suche nach Glück und die Menschen versöhnenden Frieden ausrichteten und bis zum heutigen Tage ausrichten.
Während wir Menschen das Glück um seiner selbst und um des Friedens Willen suchen, dienen auch alle anderen Lebensziele wie Gesundheit, Schönheit, wirtschaftlicher Erfolg oder Kraft allein dem Unterwegs zum großen Glück nur als Zwischenziele.


Und trotzdem gab und gibt es zwischen der "alten Heilslehre der Antike" sowie des Juden- und Christentums einerseits und der "neuen Heilslehre der Industriegesellschaft" andererseits einen höchst grundlegenden Unterschied:

Diese "alte Heilslehre der Antike" definierte Glück als materiellen Verzicht und Selbstbeherrschung, sie mahnte deshalb auf dem Weg zum Glück z.B. unabdingbar Askese, Schuldbekenntnis und Vergebung an.

Die "neue Heilslehre" dagegen setzte nunmehr oppositionell auf das Gegenteil der "alten Heilslehre", also auf uneingeschränkte, grenzenlose Freiheit und Besitz ohne alle Schulgefühle, ohne jede Askese oder Verzicht.
Nach den Gedanken Erich Fromms formuliert: Die "alte Heilslehre" lehrte den Weg zum Glück durch das Sein, die "neue Heilslehre" den durch das möglichst uneingschränkte Haben. - Und nun steht jeder von uns in der unabdingbaren, absolut eigenverantwortlichen Einzelentscheidung im HABEN oder im SEIN zu suchen.
Und niemand kann sich vor dieser Entscheidung drücken; vielleicht kann er sie ein wenig hinauszögern.

Zugegeben: seit den alten Griechen und den alten Römern hat sich in Europa und in der Welt vieles ge- und verändert;
zugegeben: heute sind wir gesünder und leben länger;
zugegeben: heute gibt es in den meisten Wohnungen westlicher Industriestaaten Badezimmer und Zentralheizungen, während man diese in früheren Zeiten und nicht nur zu Zeiten der alten Römer als Luxus nur im Palast des französischen Sonnenkönigs und in den Häusern der Reichen vorfand;
zugegeben: kein europäischer Feudalherrscher des Mittelalters hätte sich je vorstellen können, wie die englischen, niederländischen, belgischen oder spanische Königsfamilien heute ihr Leben gestalten;
zugegeben: kein mittelalterlicher Feldherr hatte vermutlich je eine Berührung mit dem Telefon oder dem Fernsehen, obwohl ein Handy ihm schon damals hätte strategisch sicher hilfreich sein können.

Und trotzdem empfinden heute viele Menschen am Ende ihres Lebens,
- dass ihr zurückliegendes Leben trotz allen Veränderungen und allen Luxus nutzlos oder gar vergeblich war,
- dass ihr Leben keineswegs mit Glück sondern mit Sorgen, mit Angst und Langeweile angereichert war.

Liegt dies am vermeintlichen Schicksal der Menschen, dass sie stets unzufrieden sind, dass sie stets mehr wollen als sie haben (können)?
Oder liegt es ganz einfach an dem scheinbar grundlegenden Übel, dass wir Menschen unser Glück oft im entscheidenden Moment nur am falschen Platz suchen?
Wann aber fühlen sich Menschen dem Glück nahe oder sehr nahe oder fern?

Eine zuverlässlich wirkende Antwort auf diese Frage würde uns Menschen vermutlich die Chance geben, dem Glück und dem Glücklichsein einen etwas größeren Raum in unserem Leben einzuräumen. -
Was also ist aus der Christen-Bibel als Wegweiser und Informationsquelle auf dem Weg zum Glück in den vergangenen Jahrhunderten und in diesem Jahrhundert geworden!
Was also ist aus Sozialismus und Kommunismus als den großen, postchristlichen Religionen der Neuzeit geworden!
Warum also haben die radikalen Flügel des Islams nicht nur im Orient und in Afrika sondern ebenso in Europa Fuß fassen können!
Was also bewegt die Menschen dazu, an den europäischen Konfliktherden wie in Nordirland, im Iran und Irak, in Afganistan, in Algerien wie auf Korsika, im Baskenland, im ehemaligen Jugoslawien oder in Albanien Tag und Nacht menschenverachtende Handlungen auszulösen! -
Sie alle sind unterwegs, unterwegs auf der Suche nach Glück. Und ihre Handlungen sind von ihrer Überzeugung geprägt, daß ihr Weg der alleinig rechte Weg ist.

 

Wenn nun z. B. ein Klavier-, Violin-, Keyboard- oder Gitarreneleve mit dem Instrumentalunterricht beginnt oder wenn eine Musiklehrerin oder ein Musiklehrer seinen Schülerinnen und Schüler begeistert Instrumentalunterricht erteilt, so tun dies beide letztlich und ursächlich vorwiegend ebenso um seines eigenen Glückes wegen.
Wenn ein Kommunal-, Landes- oder Bundespolitiker sich für seine Wähler engagiert, so tut er es letztlich und ursächlich nicht um seiner Wähler willen sondern allein um seines eigenen Glücklichwerdens und um seiner Friedenssehnsucht willen.
Wenn ein Arzt das Leben (s)eines Patienten mittels der ärztlichen Kunst rettet oder verlängert, so handelt dieser Arzt nicht allein um des Patienten willen sondern letztlich und ursprünglich ebenso auch und überwiegend um des Glücksempfindens willen.
Und wenn dann eine Schülerin oder ein Schüler aufgibt und sich enttäuscht zur Abmeldung vom Instrumentalunterricht in der Musikschule entschließt,
wenn sich eine Lehrkraft resignierend an ihre unerfüllten Visionen erinnert und in das Lager der Schwarzseher, Schwarzmaler, Verhinderer, Ablehner und resignierenden Schubladendenker eilt,
dann wäre der Frage nachzugehen, ob die Ursachen dieser Resignation sich letztlich nicht in den Lebensbäumen der Musik sondern im vermeintlichen Ausbleiben des Glücklichseins und in der unerfüllten Friedenssehnsucht liegen.

 


 

Nachdem das Christentum bereits gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts offensichtlich an der Akzeptanz seiner Glücksverheißungen gescheitert schien, soll(te) eine zweite, erneuerte (Traum-) Welt wahlweise auf der Grundlage des Sozialismus oder des Kommunismus entstehen, in der nicht mehr wie im Christentum in den Personen von Papst und Bischöfen übergeordnete Autoritäten sondern allein der Mensch mit sein Bedürfnissen unter Nutzung aller technologischen Möglichkeiten zum Mittelpunkt werden wollte und zu der die Natur nur noch die notwendigen Bausteine bereitzustellen bräuchte, um das Glücklichsein Wirklichkeit werden zu lassen.

Diese Verheißungen hatten und haben Generationen von Menschen von Anbeginn des Industriezeitalters beflügelt, ihnen Glauben und Hoffnung auf ein zukünftiges Lebensglück durch materiellen Besitz vermittelt.

Mit ihrem scheinbaren Scheitern verabschiedeten sich die christlichen Kirchen in den westlichen Industriestaaten, besonders in Europa - schon vor drei Jahrhunderten langsam beginnend und nun ganz besonders intensiv im letzten Jahrhundert - als eine die Gesellschaft aktiv gestaltende oder mitgestaltende Kraft von der Bühne des Weltgeschehens.
Eine grundlegende, geistige, christenlose Wende setzte langsam ein, denn an Stelle des Christentums inthronisierte die Neuzeit den Sozialismus und Kommunismus als neue Ersatzreligionen in die Gesellschaft, die seit der Aufklärung den Menschen auf die Frage nach dem Glücklichwerden in der Nachfolge des Christentums nunmehr die scheinbar stimmigsten und konsequentesten Antworten in der versöhnenden Friedensschaffung, in der Befreiung des Menschen und der Natur sowie in der Befried(ig)ung aller materiellen Bedürfnisse gaben.

Auch wenn das Christentum gescheitert schien, auch wenn sich das Christentum als theologische Religion, der Sozialismus dagegen sich als Wissenschaft versteht, auch wenn die Christlichen Kirchen damit begannen, als Gegenpol zum wissenschaftlichen Kommunismus, Marxismus und Kommunismus die Religionswissenschaft zu setzen - auch wenn das Christentum weiterhin auf den Verzicht als dem Weg zum Glücklichwerden setzt, während der wissenschaftliche Sozialismus die absolute Freiheit als glücksbringendes Axiom "predigt" - so mag es trotzdem niemanden verwundern, wenn wir in diesen Ersatzreligionen, die das Christentum als konkurrierendes Religionsangebot mehr oder weniger feindlich gestimmt ablehnen, deutlich Spurenelemente der christlichen Heilslehre und des biblischen Messias wiedererkennen.



Doch spätestens zu Beginn der neunziger Jahre unseres Jahrhunderts hat es sich im Zusammenbruch auch der kommunistischen Staats- und Wirtschaftssysteme erwiesen, dass Sozialismus und Kommunismus für den Menschen keine befriedigende Ersatzreligionen und Lösungswege der Neuzeit auf der ewigen Suche nach dem Glück sind; auch Sozialismus und Kommunismus geben den Menschen letztlich keine stimmigen, zuverläßliche Antworten auf die Fragen nach dem
Glücklichwerden und nach dem Glücklichsein sowie auf die Fragen nach dem letzten Sinn des Lebens.

Im Gegenteil: In der ehemaligen Sowjetunion schien - von außen betrachtet - der Kommunismus zunächst wirklich Erfolg auf dem Weg zum Glück zu haben. Doch heute hat sich der Kommunismus seiner ökomonischen Unbrauchbarkeit und Unverträglichkeit selbst überführt.
Und da der Sozialismus und Kommunismus während seines zunächst scheinbar erfolgreiches Wirkens auch die Kultur "geschliffen" hat, sind die Folgen nach diesem Systemzusammenbruch umso verheerender:
Heute herrscht die Anarchie in den ehemaligen sogen. sozialistischen Staaten als Ergebnis ihrer Unkulturen, ihrer fehlenden Kultur.

 

Die Fragestellung und Sehnsucht um das menschliche Glück
und um den Sinn menschlichen Lebens
ist den Menschen nicht nur geblieben, sie ist ihnen auch unbeantwortet geblieben.
So hat sich diese Fragestellung auch in den letzten Jahrzehnten unverändert erhalten.

Und immer noch empfinden viele Menschen auch heute am Ende ihres Lebens, dass ihr zurückliegendes Leben nutzlos, vergeblich war,
dass es nicht mit Glück sondern nur mit Sorgen, mit Angst und Langeweile angereichert war.

 

Aber auch der Sozialismus westlich geprägter Industriestaaten, der sich hinter dem Terminus "Soziale Marktwirtschaft" verbirgt, hat in den 90er Jahren seine Effizienz endgültig und abschließend selbst widerlegt; dies zeigt in besonderer Weise der "Modellfall Deutschland (West!)".

Getreu der Tradition, dass Deutsche stets ganze Sache(n) zu machen pflegen, begann das westliche Nachkriegswestdeutschland mit der Verifizierung des Sozialismus unter der Markenbezeichnung "soziale Marktwirtschaft". Betrachtet man z. B. nur mal die Inhalte des "Ahlener Programms" ohne seine Urheberschaft zu kennen, so würde man diese Texte heute eher der PDS/SED als der CDU zuschreiben wollen - und dennoch war es ein über viele Jahre gültiges Grundsatzprogramm der CDU.
Um nicht in einen falschen Verdacht zu kommen: Eine historische Analyse der Grundsatzprogramme der anderen im Bundestag vertretenen politischen Parteien käme vermutlich zu keinen wesentlich anderen Ergebnissen.

 

Die sozialstaatlichen Sicherungssysteme wurden in (West-)Deutschland zur fast totalen sozialen Absicherung fast aller menschlichen Risiken ausgestaltet, und dort, wo der Staat materiell nicht mehr oder nicht mehr genügend absichern kann, kann sich der Bürger getrost zusätzlich den privaten Versicherungen anvertrauen ("Hoffentlich A.... versichert!!").
Neben der materiellen Absicherung sorgte die "soziale Marktwirtschaft" auch für eine enorme Ausweitung der Freiheitsräume des Einzelnen. –
Heute spricht man gern vom "Vollkasko-Staat".

Doch verfolgt man seit dem Jahre 1997 die Debatten im Bundestag und in den Landtagen, liest man die Leitartikel der überregionalen und internationalen Tageszeitungen auch zwischen den Zeilen, dann sind die Konturen einer "Stillen Revolution" deutlich erkennbar, dann zeichnet sich schon heute ab, dass auch der Sozialismus westlicher Prägung, die "soziale Marktwirtschaft", vermutlich scheitern wird oder möglicherweise schon bereits gescheitert ist:

Die Kluft zwischen denen, die höchste Absicherung genießen, und denen, die immer noch außerhalb dieser Sicherungssysteme stehen, wird in den westlichen Industriestaaten und in besonderem Maße in der Bundesrepublik Deutschland immer größer. Die Habenden wollen immer mehr, und mit Unterstützung der Gewerkschaften bleiben sie mit der Durchsetzung ihrer Forderungen keineswegs erfolglos. Und da die Habenden nicht bereit sind zu teilen, verbleibt den Nichthabenden immer weniger zur Aufteilung.
Und da die Nichthabenden weder Mitgliedsbeiträge entrichten noch Sponsoring betreiben können, haben sie auch keine Lobby.
Und die deutschen Gewerkschaften machen den zuvor Verunsicherten weiß, dass sie ein Recht darauf haben immer mehr zu fordern und immer mehr zu haben.

Und niemand hinterfragt, von welchem objektiven Recht hier eigentlich die Rede ist oder sein könnte.
Stattdessen steigt die Anzahl der Arbeitslosen, sie steigt und steigt und steigt. Und wen stört's wirklich, die Habenden stört es jedenfalls nicht!! Die "Rufer in der Wüste", die das deutsche Sozialversicherungssystem mittlerweile als für unbezahlbar erklären, mehren und mehren sich - und keiner hört diesen "Rufern in der Wüste" wirklich zu und nimmt sie ernst. Niemand nimmt die stille Revolution, die längst unter uns greift, wahr. Niemand kann diese stille Revolution aufhalten, auch wenn die deutsche "Ver-hinderungsgesellschaft" des auslaufenden 20. Hahrhunderts versucht, jedes Umdenken zu verhindern. So versteht niemand im Ausland die typisch deutsch-deutsche Diskussion der Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohnausgleich.

Am Ende wird es in dieser stillen Revolution nicht nur um die Reduzierung der Sozialleistungen in unserem Staate gehen; nein, es wird im Letzten um die Infragestellung und um die Effizienz unseres ganzen Sozialsystems gehen. Sozialismus, Kommunismus und auch Christentum sind dann bedeutungslose, historische Vokabeln geworden.


Heute, am vermutlichen Ende dieser Entwicklung, stecken die Gesellschaft und der einzelne Mensch als Mitglied dieser Gesellschaft in Folge der beschriebenen Entchristlichung und dem Kulturverlust durch den Sozialismus
in einer fundamentalen Krise der Wertegestaltung, der Wertorientierung und des Wertebewusstsein in West und Ost.

Aber ebenso haben versagt und versagen auch heute noch Tag für Tag Schule, Hochschule und Universität als integrative Bestandteile unseres Kultursystems:
Sie allen haben zunehmend die Kulturmitgestaltung verlassen und sich immer mehr auf die fast "klinisch reine" Wissensvermittlung als Selbstzweck reduziert.
Sie sind nicht mehr in der Lage, wie z. B. vor 50, 75, 100 oder 200 Jahren den jungen Menschen darüber hinaus die Orientierung und Wertorientierung in einer immer komplexer werdenden Welt zu erleichtern, weil sie selbst als Institution samt ihren Lehrkörpern längst zu einem verbeamteten Selbstzweck fernab aller Kultur und Werteorientierung geworden sind.
Aber auch die große Völkerwanderung der Neuzeit von Ost nach West durch die deutsche Wiedervereinigung und von Süd nach Nord lassen diese stille Revolution immer deutlicher werden:
Die Völker der Welt sehen nicht mehr tatenlos zu, dass der noch bestehende, relative Wohlstand in den westlichen Industriestaaten auf Kosten dieser Völker errichtet wurde und sich immer mehr ausbreiten will.

 

Sozialismus, Kommunismus und der industrielle Fortschrittsglaube hatten in ihren Anfängen der vergangenen Jahre ein neues Design des Menschen und seiner Gesellschaft kreiert; dieses Design versuchte der Amerikaner H. Cox in seinen gesellschaftskritischen Büchern wie "Stadt ohne Gott" oder "Fest der Narren" schon in den 70er Jahren eindrucksvoll und vorausahnend zu beschreiben oder nachzuzeichnen.
Scheinbar hatte sich der Mensch der Industriegesellschaft immer mehr von den Vorstellungen leiten lassen, dass nicht eigenes selbstbewusstes Handeln sondern statt dessen Egozentrik, Egoismus und Besitz um jeden Preis zu Glück, Harmonie und Frieden führen würden und dass hierzu ergänzend ein Maximum an Lust allein zu des Menschen "Glückes Schmied" werden könnte:
Durch die vom Marketing und von den Gruppeninteressen bestimmten und gestalteten, neuen gesellschaftlichen Steuerungsmodelle nahm im Menschen einseitig und allein das Prinzip des Habens, des Besitzens Raum ein. Dieses "gesellschaftliche Steuerungsmodell ohne jede virtuelle, geldwerte und soziale Gegenfinanzierung" trat so immer mehr an die Stelle des Prinzips des (pro-) aktiven Seins und des verantworteten Handeln mit dem eigenen Eigentum und durch das eigene Eigentum.

 

 

"Frage dich selbst (und möglichst häufig), ob du glücklich bist, und du hörst auf es zu sein",
sagt ein nordamerikanische Sprichwort.
Glück ist demnach nicht etwas, was einfach geschieht, es ist nicht Ergebnis glücklicher Zufälle oder Umstände.

Glücklichsein kann man nicht haben oder besitzen;
das macht allein schon die Sprachgestalt dieses Wortes deutlich.

Glücklichsein kann weder erkauft oder gekauft noch mit Gewalt, Raffinesse oder durch gesellschaftliche Steuerungsmodelle herbeigeredet, herbeigebetet oder herbeigezwungen werden.

Glücklichsein kann man nicht erreichen, indem man es bewußt sucht.
Es hängt auch nicht von äußerlichen Ereignissen ab - aber vielleicht von der Art und Weise, wie wir leben,
wie wir diesen äußerlichen Ereignissen alltäglich begegnen, mit ihnen operativ umgehen.

Glücklichsein ist eine Lebensart, die man in sich und nur in sich nicht nur (auf-)bereiten und kultivieren kann sondern in sich (auf-)bereiten und kultivieren muss,
- auf die man ganzheitlich hinarbeiten muss,
- auf die man sich ebenso ganzheitlich vorbereiten muss
- und die ein jeder in seinem tiefsten Inneren installieren, pflegen und verteidigen kann.

Glücklichsein "kostet" uns (in des Wortes mehrfacher und vielseitiger Bedeutung) unsere Energie, unsere Konzentration, unsere materiellen (Sehn-)Süchte, ja unsere ganze Angst und Unsicherheit.

 

Nur Menschen, die sich selbst in Frage stellen können, die ihre inneren Erlebnisse und Erfahrungen,
ihr Haben und ihren Besitz, verantwortet, autonom und ohne permanente Angst kontrollieren können, gestalten die Qualität ihres Lebens und damit ihren Weg zielorientiert zum Glück und zum Glücklichsein mit.

Und es ist in Folge nicht eine Frage der materiellen Leistungen, also des Besitzens und des Habens, sondern allein eine Frage der kulturellen Leistungen und Leistungsfähigkeit, also des Seins einer Gesellschaft, wieviele Menschen diesen Weg der kontrollierten inneren Erlebnisse und Erfahrungen aufgrund der gesellschaftlichen Wertorientierung und des gesellschaftlichen Wertebewusstseins gehen (können), um sich so ihrem Lebensglück um einen kleinen Schritt zu nähern.

Demokratie, freiheitliche Rechtsordnungen, Tarifverträge aller Art, Menschenrechte, Streikrechte, soziale Sicherungssysteme wie Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Kranken-, Renten- oder Arbeitslosenversicherungen, Emanzipationsgedanken, Handeln in Freiheit - all das sind keine "Errungenschaften", die durch gesellschaftlichen Konsens (z. B. in Form von Wählerstimmen oder in Form eines Wahlergebnisses) zu Werten in sich und an sich werden.

Denn wäre dies tatsächlich so, dann würde auch die in manchen Staaten legalisierte Menschfeindlichkeit ebenso zu einem Wert an sich und in sich werden können.
Ein Wert oder der Wert ergibt sich erst aus der Qualität des Umgangs mit diesen "Errungenschaften": Welcher Geist, welches Ziel, welche Absicht verbirgt sich hinter dieser oder jener Demokratie oder Rechtsordnung, warum will man einen Tarifvertrag wirklich hintergründig schließen, warum erhält Mann oder Frau Sozialhilfe usw..

Nun ist es aber so, dass unter dem Dach des Pluralismus gerade das Geld und geldwerte Ergebnisse die Summe menschlicher Interaktionen ebenso wesentlich mitbestimmen und mitprägen wie in der parlamentarischen Politik aller Ebenen letztlich keine kulturellen Wertentscheidungen getroffen werden oder moralische Wertorientierungen in ein gesellschaftliche System implantiert sondern letztlich von Mehrheiten getragene Gruppeninteressen (und Gruppenegoismen?) unter dem (manchmal entschuldigendem) Deckmantel der Demokratie realisiert werden.

 

Nicht wenige Soziologen vertreten zunehmend die Auffassung, dass gerade die soziale Absicherung des Menschen in den westlichen Industrienationen ganz wesentlich zur Dekadenz des sozialen Milieus beiträgt und soziale Wertorientierungen zunehmend abbaut:
Von den Angst- und Verunsicherungsmechanismen des Marktes und der gesellschaftlichen Interessengemeinschaften geprägt verlagert man unter dem Deckmantel der "Risiko-Absicherung" die eigene Verantwortung auf alle möglichen Formen von Versicherungen des Gemeinwohls und Privatwirtschaft.
Und auch diese "Risiko-Absicherung" wird zum Erlebnisfaktor - doch niemand denkt darüber nach, dass die verschiedensten Versicherungsgesellschaften und Versicherungsvermittler durch die Angst und Verunsicherung ihrer Klientel riesige Gewinne machen.
Niemand kommt auf die Idee, einmal zu überprüfen, was die Gewerkschaften eigentlich mit ihren mit den Unsicherheitsprämien ihrer Mitglieder, mit ihren Mitgliedsbeiträgen, machen; niemand hat aus den Gewerkschaftsskandalen der letzten 15 Jahre Konsequenzen gezogen.

 

 

Wie aber kann der einzelne dieses schwer zu erfassende Ziel erreichen,
das sich offenbar für die Gesellschaft als ganzes nicht auf direktem Wege
sondern nur für den einzelnen als Individuum erreichen lässt!

Schließlich konnten wir uns ja weder unsere Eltern aussuchen noch den Tag oder den Ort unserer Geburt, weder unsere zeitgeschichtliche noch unsere soziale oder sozietäre Einbindung in gesellschaftliche Gestaltungs- und Steuerungssysteme; ebenso konnten wir weder das Design unserer Gene noch die Kräfte der Erdgravitation oder den Pollenflug in der Luft oder die globalen geschichtlichen Ereignisse vor oder nach unserer Geburt bestimmen oder mitbestimmen.

Wir können als Einzelpersonen auch keine Entscheidungen darüber treffen, ob, wo und wie eine kriegerische Auseinandersetzung oder menschenverachtende Aktionen auf der Welt stattfinden soll.

Und trotzdem bestimmten diese und viele unzählige andere Ereignisse, Begegnungen und Bedingungen mit, welche Erlebnisse und Erfahrungen wir in uns aufnehmen,
- was wir sehen und wie wir es sehen,
- was wir tun und wie wir es tun,
- was wir denken und wie wir uns fühlen,
- was wir in unserem Leben und für unser Leben thematisieren
- und wie wir es thematisieren.

Und trotzdem haben allein wir es und behalten wir es mitgestaltend in der Hand, wie wir mit diesen unabweisbaren und unausweichbaren Einflüssen umzugehen pflegen oder wie wir denken.

Und trotzdem gibt es großartige Augenblicke in unserem Leben, die sich dauerhaft und unauslöschbar in unseren Erinnerungen einnisten, wenn wir unser Leben und Erleben mit kritischem Bewusstsein gestalten, erleben und durchleben - Augenblicke des Glücks und des Glücklichseins.

 

Obwohl nicht wenige Menschen das Ausspannen und Entspannen als eine hohe Schule des Glücklichwerdens propagieren,
obwohl professionelle Wirtschaftszweige unterstützende meachanische und mentale Werkzeuge aller Art zum Aus- und Entspannen anbietet, erwachsen die Ereignisse, die uns ein Leben lang fesseln, ausnahmslos nicht aus solchen Augenblicken der Erholung, des Entspannens oder Ausspannens, also nicht aus den Augenblicken unserer Passivität,
obgleich es uns durchaus große, aber nur vorübergehende Freude bereiten kann, wenn wir nach getaner, harter Arbeit z.B. einmal ausspannen:

Auch diese vermeintliche Freude entsteht an dieser Stelle aber nicht aus dem körperlichen Zustand des Ausspannens sondern aus der mentalen Reflexion der getanen, harten Arbeit während des körperlichen Ausspannens.

 

Nein, die größten Augenblicke in unserem Leben
waren, sind und bleiben stets die,
in denen wir selbst selbstbewußt "das Gesetz des Handelns"
an uns gezogen und so mit großen oder allergrößten Kraftanstrengungen
dazu aktiv, entschlossen, risikobereit und unerschrocken beigetragen haben,
daß etwas Großartiges geschah oder geschehen konnte.
Und diese Augenblicke waren letztlich
die Augenblicke unseres anhaltenden Glücklichseins.

Permanentes Ausruhen und Entspannen besorgt dagegen nur Resignation und Langeweile gepaart mit der Angst um den Verlust des Besitzens. Deshalb: wer passiv verweilt, der verpasst zwangsläufig sein Lebensglück.

Zukunftsangst, Hilflosigkeit, Unsicherheit im Verbund mit zunehmender gesellschaftlicher Verunsicherung durch die Medien- und Pressesysteme und im Verbund mit der Sprachlosigkeit der Kultursysteme (z. B. der christlichen Glaubensgemeinschaften) prägen die heutige und zukünftige globale Risikoablehnungs- und Verweigerungsgesellschaft, deren weitere Entwicklungen langfristig nicht mehr absehbar und nicht mehr steuerbar sind.

Vergeht doch heute kaum ein Tag, an dem uns nicht mindestens eine Verunsicherungsnachricht im TV oder in den Zeitungen begegnet; das Werkzeug, das Steuerungsmodell dieser Methodik: Feindbildern unterschiedlichster Couleur im perwsönlichen Umfeld wie international gestreut stellen sich die verschiedenen politische Parteien, Deodorants, Gewerkschaften, Brotaufstriche, Sekten, Versicherungen, Zahnpasten, Automarken, Telekommunikationen als Problemlöser gegenüber. - Ob diese Rechnung aufgeht?

 

 

Das IST unserer Gegenwart von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet:

Diese weltweiten, hier andeutungsweise angesprochenen, aber nicht weniger entscheidenden und einschneidenden Veränderungen in den industriellen Gesellschaften strahlten seit mindestens einem Vierteljahrhundert unaufhaltsam auf alle Bildungsprozesse, auf das Unterrichtsgeschehen sowie auf die Unterrichtsinhalte und Unterrichtsgegenstände in Hochschulen, Universitäten, Schulen, Freie Schulen, Musikschulen und im Privatunterricht ein - auch wenn wir in den Musikschulen immer noch versuchen, sie mit Vehemenz und nach der Methodik der berühmten drei Affen (= nichts hören, nichts sehen, nichts riechen) zu verdrängen. Wie oft war der Vorwurf zu hören: Man soll keine schlafenden Hunde wecken. - Doch Metapher helfen hier nicht weiter.

Und so wollen die ewig Gestrigen bis heute nicht den Wind spüren, der ihnen mittlerweile als "steife Brise" längst entgegenschlägt, obwohl dieser damalige Wind im Hinblick auf unsere Zukunft und dem sich abzeichnenden Orkan heute gleichsam nur als eine anfängliche, leichte Morgenbrise anmutet.
Der "Sturm über dem Meer" (Debussy) entfacht sich bereits heute über den freiwilligen Bildungseinrichtungen und im besonderen Maße über den Öffentlichen Musikschulen:
Niemand betreibt aber Bildung nur um der Bildung willen; niemand kann gezwungen werden, die Bildungsangebote der privaten, privatrechtlichen und öffentlichen Bildungseinrichtungen anzunehmen.

Ganze Bibliotheken kann man mit den Büchern füllen, die sich z. B. mit der pädagogischen und künstlerischen Qualität des Musikunterrichtes, mit den Führungsqualitäten eines Managers oder mit den Qualitäten eines Verkäufers beschäftigen. Kein Manager kann noch länger einfach, unkritisch und von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unhinterfragt an diese Anweisungen ausgeben und erwarten, dass sie ebenso unhinterfragt und gehorsam befolgt werden; und kein Lehrer kann heute seinen Unterricht gestalten, ohne dass dieser methodisch wie inhaltlich von Eltern und Schülern kritisch hinterfragt wird. Kein Manager und kein Lehrer, aber auch kein Schüler, kein Politiker kann zukünftig nur noch Selbstzweck ansich und für sich sein.

Aufgrund dieser globalen Unsicherheiten und ihrer begleitenden Ängste kann sich niemand seiner einmal eingegangener, mitmenschlicher Beziehungen, seiner ihm einmal zugesicherter Sozialleistungen und seiner sozietären Einbindungen auf lange Zeit sicher sein.

Auch Unterricht, Schüler und Arbeitsplatz sind nicht länger nur Selbstzweck; kein Musikschullehrer oder Privatmusiklehrer kann sich des Habens von Schülern oder des Habens eines Arbeitsplatzes sicher sein. Niemand kann sich der ständigen Qualtitätskontrolle seines Denkens, seines Wissens, seines Tuns, seines Handelns und seines Fühlens durch seine Schüler verschließen; nicht länger können wir es uns leisten, dass menschliche Begabung und Kreativität in den zeitgenössischen Kultur- und Bildungssystemen, in Wirtschaft und Politik ungeweckt, unentdeckt und ungenutzt liegen bleibt oder gar unterdrückt oder verdrängt wird.

Der Kultur im Allgemeinen und der Musik als Kultur im Besonderen kommt daher eine große Mitverantwortung für die gesellschaftliche Zukunft zu, Begabungen und Kreativität zu wecken, zu fördern und zu entwickeln. - Qualität, ihr Sich-in-Frage-stellen-lassen und ihre Neudefinition ist gefragt, denn bereits viele Menschen spüren die tiefe, innere Verknüpfung von Lebensqualität und Lebensglück - und die Menschengeschichte zeigt immer wieder auf, dass die Sehnsucht nach dem Glück und nach dem Glücklichsein vermutlich niemals enden wird.
Und wer sich nach der Methodik der drei Affen klammert, dem mag es für eine kurze Zeit scheinbar gut gehen. Auf Dauer wird er von den Ereignissen überrollt, auf Dauer wird er frustriert den Reform- und Evolutionsprozessen sowie allen anderen zukunftsbildenden Ereignissen hinterherlaufen. Und das ereignet sich derzeit:
Obgleich "Hauptzahlmeister" der EG läuft die Bundesrepublik Deutschland bereits seit einigen Jahren weltweit wie in Europa den Entwicklungen ständig hinterher. Man mag nur einmal das Firmenmanagement in Deutschland, England Frankreich oder in den USA miteinander zuvergleichen, man mag nur einmal das Profil eines britischen oder französischen oder amerikanischen Leiters einer Privatschule mit dem einer deutschen Schule oder Musikschule vergleichen, man mag nur einmal ...

Tun Sie es doch einmal, lieber Leser, trauen Sie sich, vergleichen Sie hemmungslos.

Der sensible Musikerzieher wird in seinen Beratungsgesprächen oft die Erfahrung machen, dass die an einem Instrumentalunterricht Interessierten zunächst den Anschein wecken, als würden sie keinen Wert auf einen qualitativ hochwertigen Unterricht legen.
Beim weiteren Hinterfragen kristallisiert dann aber oftmals heraus, dass sie nicht nur Wert auf eine hohe sondern auf allerhöchste ganzheitliche Qualität des Unterrichtes und seiner Inhalte legen; sie wollen aber diese Qualität um ihrer höchsten persönlichen Ansprüche wegen neu definiert wissen.

 

 

Von einem wiederum ganz anderen Ausgangspunkt betrachtet:

Die sehr sensiblen Wurzeln dieser Umwälzungen kann man neben dem Verfall des Sozialismus und dem Kommunismus einerseits gleichsam auf einer ganz anderen, zweiten parallelen Schiene bis zum Zweiten Weltkrieg zurückverfolgen; sie sind gewissermaßen eine zweite, weitere Ursache einer immer dringender notwendig werdenden Wende.

Man möge sich erinnern: Die Fabrikationsstätten und ihre Infrastrukturen waren unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg in Europa wie in Japan weitgehend zerstört; die Anteilnahme der übrigen asiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten am Welthandel war zu Beginn der 50er Jahre noch fast unbedeutend.

So konnten die großen amerikanischen Unternehmen und die amerikanischen Regierungen einerseits wie auch die Industrieunternehmungen in Europa und die meisten europäischen Regierungen andererseits steile Entwicklungskurven ihres Wirtschaftswunders verzeichnen und mehr oder weniger einseitig die entsprechenden Handel- und Wirtschaftstandards weltweit vorgeben. Die Vereinigten Staaten wurden für Europa zum industriellen Musterland.

In den ersten Jahren nach diesem Zweiten Weltkrieg wurden überall in Europa gleichzeitig neue Kindergärten, neue Schulen und Universitäten, neue Kirchen, neue Kultur-, Rat- und Krankenhäuser, neue Banken, neue Fabriken und Versicherungen eher eilends aus dem Boden gestampft als mit aller Sorgfalt infrastrukturell geplant und gegründet. Amerika war das große Vorbild für diese Entwicklung, und nicht wenige europäischen Firmen übernahmen unkritisch diese neuen amerikanischen Strukturen oder wurden gar mehr oder weniger eigenständige Subunternehmen amerikanischer Muttergesellschaften, denken wir z.B. nur an Ford oder Opel.

Scheinbar gab es überall in der westlichen Welt genügend Geld und Arbeit aus schier unerschöpflichen Quellen; und nicht selten gab es sogar mehr Geld und mehr Arbeit als Menschen, welche diese Arbeit hätten übernehmen und ausführen können: Die Gewerkschaften in den großen Industrienationen diesseits und jenseits des Atlantiks hatten ihre großen, über Jahre andauernden, längst ersehnten Sternstunden.
So mancher Unternehmer bezahlte seine Lohnkostensteigerungen quasi unbesehen und ungeprüft aus der Portokasse; er wollte produzieren können, und allein das zählte für ihn. Die europäischen Regierungen hatten in der gleichen Zeit umfangreiche "Gastarbeiter"-Programme kreiert, um Arbeitskraft und Arbeitskräfte aus den weniger entwickelten Industriestaaten Europas in die schon weiter entwickelten zu locken: eine neue Qualität der Völkerwanderung setzte in Europa ein, die bis heute in den Spätaussiedlern und Asylsuchenden ihre logische Fortsetzung findet und scheinbar nie enden will.


 

Bis hinein in die sechziger Jahre war nicht der Kunde sondern der Arbeitnehmer "König"; die Hafenarbeiter in New York, Hamburg oder London konnten jeden Morgen für sich aufs Neue frei entscheiden, ob und zu welchen Konditionen sie arbeiten und Geld verdienen wollten oder ob nicht. Die Facharbeiter in den europäischen Kohlenbergwerken, besonders in Großbritannien und Deutschland, ließen tausende Menschen einfach frieren, um ihren Lohnforderungen Nachdruck zu verleihen. Handwerker konnten für ihre Arbeit jeden Preis fordern; und letztlich mußte der Kunde froh sein, wenn der Handwerker seine Aufträge überhaupt ausführte. - Welch herrliche Zeiten waren diese auch für die Gewerkschaften der westlichen Industriestaaten; die "Heilslehre" des Sozialismus und Kommunismus schien nun endlich aufzugehen! - "Layoffs", Entlassungen, Arbeitslosigkeit waren zum längst vergessenen "Fremdwort" geworden; die westliche "Wohlstandsgesellschaft" schien unter dem Mantel der "sozialen Marktwirtschaft" schon fast Wirklichkeit geworden zu sein, und selbst die erste europaweite Kohlenkrise, besonders in Großbritannien und Deutschland, konnte letztlich keine Wende im Denken der gesellschaftlichen Gruppen erwirken. Dies belegt nicht zuletzt die heutige deutsche Diskussion um die Ladenöffnungszeiten.

 

 

Doch schon bald sollte es noch ganz anders kommen:

Während man in Nordamerika und in den anderen westlichen Industriestaaten die Nachkriegsfrüchte des zweiten Weltkrieges eifrig genoß und ein zeitliches Ende dieses "Genusses" für die meisten Unternehmer und Arbeitnehmer schon fast unvorstellbar war, dachte man in Japan und in den anderen ostasiatischen Ländern bereits intensiv über die Zukunft nach und entwickelte für die eigene Volkswirtschaften neue, wirklichkeitsnahe Visionen.

In Japan waren die Nachkriegsfolgen indes noch nicht überwunden; auch das alte japanische Wirtschaftssystem war durch die Folgen des zweiten Weltkrieges zusammengebrochen, die alten Infrastrukturen zerstört; aber anders als in Europa und in Nordamerika war man in Japan allein damit beschäftigt wirtschaftlich zu überleben. Der japanische Versuch, sich durch Billigproduktionen, minderwertige Waren und eingeschränkten Kundenservice weltweit Geltung zu verschaffen, war inzwischen kläglich gescheitert.

So in Bedrängnis geraten war das japanische Volk jetzt bereit, nationale Solidarität zu üben und aus den Fehlern der eigenen Vergangenheit zu lernen.

Die verantwortlichen Regierungsbeauftragten Japans schwärmten in alle Welt aus, um die weltweit besten Berater für ihre japanische Nation zu verpflichten.

Unter ihnen waren zwei Männer, welche für die Zukunft Japans von aller größter Bedeutung werden sollte: Einer der beiden Männer war der US-Ingenieur rumänischer Abstammung, Joseph Moses Juran, der sich mit 80/20-Prinzip des italienischen Wirtschaftswissenschaftler Vilfredo Pareto auseinandersetzte und Paretos These weiterentwickelte. Bereits einhundert Jahren zuvor hatte Pareto die 80/20-These aufgestellt, dass sich in 20% der Zeit 80 % aller Handlungen vollziehen. Juran war von diesem Gedanken Paretos so fasziniert, daß er dieses 80/20-Prinzip weiter untersuchte und z.B. feststellte:

- 80 % aller Umsätze einer Firma werden von 20 % ihrer Kunden,
- 80 % aller kriminellen Handlungen von 20 % aller Kriminellen getätigt.
- 80 % aller Verkehrsunfälle werden von 20 aller motorisierten Verkehrsteilnehmer verursacht.
- Menschen in den westlichen Industriestaaten tragen in 80 % ihrer Wachzeit nur 20 % ihrer Kleidung.

Mit diesen Erkenntnissen entwickelte Joseph Moses Juran zu Beginn der 50er Jahre ein bahnbrechendes, zukunftsweisendes Controlling System für die amerikanische Wirtschaft, doch die US-Industriellen waren in den 50er und 60er Jahren zu sehr mit ihren Erfolgen beschäftigt und interessierten sich nicht für Jurans Theorien. Japan dagegen nahm Jurans Dienste gern an: Joseph Moses Juran lehrte fortan sein 80/20-Prinzip an Japans Universitäten und bildete Japans Manager in diesem Prinzip fort.

Der andere war Dr. W. Edwards Deming, ein bis dahin unbekannter amerikanischer Statistiker, der während des Zweiten Weltkrieges als Logistikberater der US-Regierung und der US-Generalität mit der Organisation des Europa-Nachschubs für die US Army und für die anderen Alliierten Streitkräfte beschäftigt war. Demings Botschaft an Japan und an die Japaner lautete:
Versucht nie, das bestehende, euro-amerikanische System zu kopieren, sondern sucht nach euren eigenen Wegen und bezieht eure Beschäftigten in alle anstehenden Entscheidungen mit ein.

Auf dieser Grundlage entwickelte Deming zusammen mit Juran und den anderen internationalen Beratern den neuen, japanischen Firmentypus, der die Firmenbelegschaft durch (Mit-)Beteiligung und (Mit-)Verantwortung an wichtigen unternehmerischen Entscheidungsprozessen in das Unternehmen einbindet, hohe Qualitätsanforderungen an das Gesamtdesign, an die Fertigung stellt und einen optimalen Kundenservice anbietet.

Oberstes Managementziel war es schon damals in Japan und ist es auch heute noch zu erreichen, dass sich alle Beschäftigten einer Firma unbedingt mit den Firmenzielen identifizieren und so eine möglichst intensive Sozietät mit allen Beschäftigten der Firma bilden.

Erst zwei Jahrzehnte später wird dieses Ziel auch für das Management westlicher Unternehmen als "Corporate Identity" formuliert und gefordert. Doch in vielen Lexika des auslaufenden zwanzigsten Jahrhunderts wird man auch heute noch vergeblich nach diesem Begriff suchen.

Anders in Japan: Gemeinsam wurden neue Firmenstrukturen wie "Joint Ventures" oder "Franchise", neue Kommunikationsfelder, neue Leitsysteme und neue Firmenlogistiken und Firmenstrategien, eine neue weltweite "Just-intime"-Steuerung der japanischen Frachtschiffahrt für die europäischen und amerikanischen Märkte kreiert, erprobt und laufend optimiert, um die Kosten möglichst gering zu halten und um möglichst wenig Kapital zu binden.

Diese so definierten und gesetzten Ziele konnten in Japan nicht über Nacht erreicht werden, aber nach und nach konnte die japanische Wirtschaft - von den Amerikaner und Europäern zudem noch fast unbemerkt - ihren Zielen näher kommen und weltweit wieder Fuß fassen: Japan hatte seine nationale Vision gefunden, die in Erfüllung zu gehen schien; während man sich in Deutschland fast seiner Nationalität schämen musste. Und schon bald wurde Japan zum weltweiten Marktführer für neue Technologien, Warenqualität und hochrangigen Dienstleistungen. Corporate Identity, Franchise, Controlling, Job-Sharing, Time-Sharing, Just-In-Time-Logistik, sie alle sind heute selbstverständliche Managementtechniken japanischen Ursprungs, die erst viele Jahre später in die westlichen Industriestaaten importiert wurden.

 

Heute exportiert das Rohstoffimportland Japan nicht nur seine hochwertigen Industrieprodukte in alle Welt sondern ebenso Technologien und Dienstleistungen aller Art, ja selbst das eigene japanische Management.

Und wer Zweifel an diesem japanischen Erfolg hat, der mag einmal in seinem persönlichen, beruflichen und privaten Umfeld nachforschen, welche technologisch geprägten Produkte oder Teilprodukte aus seiner unmittelbaren Umgebung in Japan oder von japanischen Firmen hergestellt und entwickelt wurden; - der mag vergleichen, wann die ersten Microchips-Produktionen in Japan, USA oder in Europa begannen. Kaum ein europäisches Hochtechnologieprodukt kommt ohne japanische Bausteine aus. Auch die USA haben der japanischen Weltentwicklung Rechnung getragen: Man wendet sich von Europa ab. Die Europa zugewandte amerikanische Ostküste wird immer mehr zur verlassenen Industrielandschaft, während sich die Japan zugewandte Westküste von der kalifornischen Ferienidylle zur High-Tec-Landschaft entwickelt:
Man will Japan nahe sein.

 

Japans schleichende Expansion auf den Weltmärkten blieb von allen westeuropäischen Industriestaaten, von ihren Politikern und Gewerkschaftern, jahrelang unbemerkt und unreflektiert; erste behutsame Anzeichen des japanischen Erfolgs wurden weitgehend ignoriert: In Europa und in Amerika war man zu sehr mit sich selbst und mit dem Genuss seines eigenen, scheinbar grenzenlosen Erfolges beschäftigt.

Erst in den späten 60er und vor allem in den 70er Jahren wurden die Auswirkungen dieser japanischen Entwicklung in Europa und Nordamerika schmerzhaft spürbar; hinzu kamen die Weltölkrise, der Golfkrieg und die nahezu galoppierende Inflation mit z. T. zweistelligen, jährlichen Steigerungsraten in einzelnen europäischen und nordamerikanischen Ländern sowie mit zeitweise dreistelligen Raten in Afrika und Lateinamerika. Weltweit entstanden wirtschaftliche und soziale Flächenbrände einhergehend mit einer hohen Arbeitslosigkeit; ganze Bankenkonsortien, Branchenzweige und Industriekonzerne brachen zusammen, es kam überall zu Massenentlassungen.

Diese weltweite Rezessionsentwicklung fand in der Mitte der 80er Jahre ihren ersten Höhepunkt; die Arbeitslosigkeit stieg immer mehr an, das Ende der Sowjetunion zeichnete sich ab, die nationalen und kommunalen Haushalte der westlichen Industriestaaten waren durch atemberaubende Steigerungen der Sozialleistungen ins Wanken geraten, aus blühenden Industrielandschaften waren Industrieruinen geworden. Und gleichzeitig setzte eine neue Qualität der Völkerwanderung ein: Aus der europäischen Völkerwanderung der Gastarbeiter war eine weltweite der Asylsuchenden geworden.

 

 

Zuspät: Selbst auf Zollschranken, Einfuhrzölle und Importbeschränkungen war das japanische Management längst gut vorbereitet, man löste dieses Problem bereits lange im Vorfeld der Zollgesetzgebungen z.B. durch das neue, kreative Instrumentarium der "Joint-Venture"-Firmen, indem man japanische Firmen fortan gemeinsam mit nationalen Unternehmen betrieb. Wasauchimmer die westlichen Industriestaaten an Abwehrmechanismen erfanden:

Das japanische Management hatte stets längst eine Antwort gefunden, bevor diese westlichen Strategien greifen konnten. Bedingt durch die weltweiten Handelsaktivitäten hatte man in der Zwischenzeit in Japan neue Wege der Industrie- Kommunikationslogistik erprobt und die verschiedenen Computer- und Kommunikationstechnologien revolutionär weiterentwickelt:
Heute können wir in einem kleinen Computer-Laptop Daten archivieren, die früher ganze Bibliotheken füllten;
heute können wir diese Daten in immer kürzerer Zeit immer schneller auswerten;
heute können wir via weltweiter Kommunikationssysteme zu jeder Zeit und von fast jedem Ort Informationen fast aller Art an fast jeden Ort der Welt transferieren.
Immer mehr Dinge können in immer kürzerer Zeit getan oder analysiert werden, immer mehr Menschen können über immer größer werdende Distanzen zusammen arbeiten und gemeinsam wirken. Musste man vor ein paar Jahren noch zu internationalen Tagungen oder Fortbildungen weit reisen, so stehen heute die Tagungshotels weitgehend leer: die Tagung bzw. Fortbildung kommt durch internationale Konferenzschaltungen via Bildschirm ins Haus. Wen wundert es da, wenn das Senden eines Faxes in Laserdruck-Qualität mittlerweile preiswerter ist als das Verschicken eines normalen Briefes mit der Post.

Dennoch schritt und schreitet hinter diesen Kulissen die eigentliche Entwicklung der Produktions-, Kommunikations- und Vertriebssysteme unbemerkt und unaufhaltsam ihren eigenen, systemimmanenten Gesetzlichkeiten folgend weiter fort. Zunächst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dann mit dem Ende des Kalten Krieges hat der weltweite Handel mit Wirtschaftsgütern und Dienstleistungen aller Art seine dramatische Expansion vollzogen; der Wettbewerb erfuhr eine gigantische Ausdehnung auf den internationalen Märkten und wurde härter denn je.

Der weltweite Innovationswettlauf setzte ein; und "wer zu spät kam, den strafte (nicht nur) das Leben", der konnte gleich seinen Betrieb ganz oder teilweise liquidieren. Die nationale und internationale Marktforschung sowie die Arbeit der Meinungsforschungsinstitute gewann in diesem Innovationswettlauf immer mehr an entscheidungsbildender Bedeutung. Heute kann es sich auch kein kleiner Geschäftsbetrieb und kein kleiner Dienstleistungsanbieter mehr leisten, die Wünsche und Erfordernisse seiner Klientel nicht früh genug zu erkunden oder gar zu missachten bzw. unerfüllt zu lassen.

Es wird aber in der Zukunft nicht darauf ankommen, auf dem Wege der Sofortbefriedigung alle Kundenwünsche sofort zu erkennen und stoisch zu befriedigen, sondern in ethischer Verantwortung auch die langfristigen Erfordernisse seiner Klientel, eingebettet in die kulturellen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse visionär aufzuspüren, zu erkennen und dann möglichst zu verwirklichen.

 

 

Doch wo bleibt die Markt- und Meinungsforschung in den Musikschulen?
Wieviele Musikschulen befragen ihre Schüler, Eltern und Lehrer regelmäßig nach ihrer Meinung, nach ihren Wünschen und Befindlichkeiten?
Wo ist der wohldurchdachte, von den Musikschulverbänden erarbeitete Fragenkatalog - vielleicht mit einer Auswertungssoftware? Haben die Musikschulfunktionäre überhaupt schon über die Thematik nachgedacht?
Oder: Wann werden die Musikschulverbände, die Interessenverbände der Musik- und Instrumentallehrer professionell der Frage nachgehen, ob das 80/20-Prinzip durch neue Methoden, Unterrichtsverfahren, durch neue Inhalte und Unterrichtsgegenstände nicht auch in den Musikschulen und im Instrumentalunterricht angewendet werden und mithelfen könnte, die vielen gefährdeten Musikschulen überleben zu lassen.

Aufgrund dieser vielen neuen Möglichkeiten erlebt auch die internationale Arbeitswelt neben der hohen Arbeitslosigkeit eine wahrhafte Evolution und zugleich Revolution der menschlichen Arbeit.
Neue Jobs entstehen, alte sterben aus.

Der Microchip erweitert die Möglichkeiten des menschlichen Verstandes. Computer-Software wird zur internationalen Handelsware. Fiberglasstäbe und Laserstrahlen werden zu Daten-Eisenbahnstrecken und Daten-Autobahnen der Zukunft.
Die weltweiten Handelszentren sind permanent, 24 Stunden am Tag, durch Datenleitungen untereinander vernetzt und ermöglichen einen nie geahnten Daten- und Informationsaustausch. Menschen können in New York und Berlin zur gleichen Zeit die gleichen Datensätze des gleichen Zentralrechners verwenden und verarbeiten.
Wer in Chicago ein Flugzeug besteigt und in Frankfurt zum Weiterflug umsteigen muß, der kann seinen Check-in für den Weiterflug bereits in Chicago vornehmen.

 

 

So wird die postindustrielle Gesellschaft gewissermaßen durch eine "still-schweigende Revolution" von der Konsumgesellschaft immer mehr zu einer Informations-, Wissens- und Erlebnisgesellschaft: Immer mehr Menschen werden immer mehr Meinungen, Informationen und Daten zugänglich.

Malclom S. Forbes, Herausgeber des weltweit größten Wirtschaftsmagazins gleichen Namens: "Die Menschen können unverzüglich sehen, was im Rest der Welt geschieht; dies hat den allergrößten Einfluss auf die Demokratisierungsprozesse."
Saddam Hussein einerseits und das kriegsstrategische Management in den Vereinigten Staaten andererseits konnten sich über den amerikanischen, aber international operierenden Fernsehsender CNN, also über eine gemeinsame Informationsquelle, fast 24 Stunden täglich über die Entwicklungen im vergangenen Golfkrieg informieren, um dann sofort ihre weiterführenden Entscheidungen zu treffen.

Demonstrierende chinesische Studenten konnten Spruchbänder in englischer Sprache vor den internationalen Kameras schwenken, die weltweit Furore machten und deshalb nicht ohne Wirkungen auf die chinesische Regierung blieben.

Und nicht nur das: Die internationalen TV-Gesellschaften sorgten - von Werbespots laufend geschäftstüchtig unterbrochen - dafür, dass der Golfkrieg und Studentenunruhen in Peking wie Jerusalem der Unterhaltung dienend in allen westlichen Industriestaaten zum Erlebnis werden konnten.

 

 

Doch man sollte mit dem Zeigefinger nicht auf Moskau oder Peking und ebenso nicht auf den vergangenen Golfkrieg zeigen. Der Aufbau nationaler und internationale Datennetze, ihre immer perfekter und immer komplexer werdende Vernetzung zeigen in Europa bereits folgenschwere Auswirkungen für jeden einzelnen auch von uns: Jeder von uns weiß, dass die Telekom die Adressen ihrer Kunden weiterverkauft; die Straßenverkehrämtern, das Kraftfahrtbundesamt, Meldebehörden und Versicherungsagenturen, Standes- und Bauämter tun vermutlich landesweit desgleichen und geben ihre wertvollen Adressauswertungen gegen klingende Münze weiter.

Das digitale Telefonnetz speichert einige Wochen lang die beidseitigen Telefonnummern realisierter Telefonverbindungen; und wer im Besitz einer fremden Telefonnummer ist und wissen möchte, wer sich hinter dieser verbirgt, der kann über eine entsprechende CD-ROM (Preis weit unter 25,00 EUR) schnell und unkompliziert die entsprechende Antwort erfahren - und durch einfache Befehlseingabe noch die Namen der unmittelbaren Nachbarn dazu.

Jedes Versandhaus erstellt anhand der datentechnischen Auswertungen aller im Laufe der Zeit eingegangenen Bestellungen individuelle Kundenprofile, die aufgrund der Analyse des Bestellverhaltens Rückschlüsse auf das Bildungs- und Persönlichkeitsbild sowie auf das zukünftige Kundenverhalten zulassen. Jeder, der eine Scheckkarte oder Kreditkarte haben will, muss damit einverstanden sein, dass seine persönlichen Daten an die SCHUFA weitergegeben werden. Weitere Daten holt sich die SCHUFA aus den roten Listen der Amtsgerichte von spezialisierten Detekteien. Man schätzt, dass die Schufa etwa 45 Millionen Datensätze verwaltet und jährlich 40 Millionen Auskünfte erteilt.

Anhand der Scheckkarten, Kreditkarten und Bahncard-Speicherungen kann das individuelle Reiseverhalten der Card-Inhaber erfaßt werden; aus dem Bestell- oder Ausleihverhalten in den Leseringen bzw. bei den privaten Verleihern und öffentlicher Büchereien lassen sich wichtige Rückschlüsse auf das Kultur- und Bildungsverhalten, ja sogar auf das Gesundheitsverhalten der einzelnen Clubmitglieder oder Ausleiher ableiten. Und jeder Handy-Netz-Provider kann - besser als jede Polizeibehörde - die Mobilität und den Aufenthaltsbereich seiner User erfassen und auswerten, wie manche spektakuläre Fahndungserfolge vermuten lassen.

Die Verwendung von Kreditkarten, das Electronic Banking sowie der bargeldlose Einkauf mit der Scheckkarte ermöglichen es den Kreditkartengebern und Banken, von jedem ihrer Klienten ein persönliches Konsumentenprofil zu erstellen, während der zukünftige Patient seine komplette Kranken- und Medikamentierungsgeschichte bereits in Kürze auf einem Microchip bei sich tragen wird.

Auch das INTERNET dient nicht nur der Verbreitung von Informationen sondern ebenso der Sammlung von Daten über die INTERNET-Nutzer, indem auch hier die User-Eingaben und User-Datenabfragen gespeichert, ausgewertet und mit den empirischen Ergebnissen verglichen werden.

Die Auswertung sogenannter Preisausschreiben und Kundenbefragungen komplettieren diese Datenbestände. Und so mancher Bürger wird sich fragen, wie sicher ist eigentlich z.B. der Datenschutz bei den Datenbanken der Finanzämter bzw. der Oberfinanzdirektionen.

 

Die eigentliche Gefahr geht zunächst jedoch nicht von den einzelnen, immer schneller operierenden und immer größer werdenden Datenbanken aus; die eigentliche Gefahr der Unversehrheit des Einzelnen geht vor allem von der weltweiten Datenbankenvernetzung aus, dem der Datenschutz vermutlich nur resignierend und machtlos gegenübersteht: Mögen die Datensätze der einzelnen Datenbanken für sich betrachtet harmlos anmuten. Durch die logistische Vernetzung all dieser Datenbanken wie durch die hohen Arbeits-, Austausch- und Auswertungsgeschwindigkeiten der Datenbanken untereinander kann mit relativ wenig Aufwand ein individuelles, fast total anmutendes Portrait von fast jedem Bürger erstellt werden und ausgewertet werden.




Die Datenrevolution hat längst begonnen. Das alte Sprichwort "Wissen ist Macht" wird zunehmend Wirklichkeit, aus der Industriegesellschaft wird die postindustrielle Wissensgesellschaft. Man muss kein Prophet sein, um sich auszumalen, welche privaten und öffentlichen Institutionen, welche Produkthersteller und Dienstleistungsanbieter an diesen Datenportraits der Bürger interessiert sein könnten, um Einfluss auf die gesellschaftlichen Steuerungsprozesse zu gewinnen.
Neue legale wie illegale Datenhändler mit Zugriffsmöglichkeiten schießen wie Pilze aus dem Boden - und so mancher Job-Hunter zahlt jeden Preis, um seinen Auftraggeber auf der Suche nach einem leitenden Angestellten durch ein komplexes Datenpaket samt Zielanalyse optimal zufrieden zu stellen. Forderte man früher von den Politikern die "gläsernen Aktentaschen", so ist der "gläserne Bürger" heute fast schon Wirklichkeit geworden.

Der Fall der Berliner Mauer, das Auseinanderfallen der Sowjetunion, die Aufstände in China, die Kämpfe um Demokratie in der Karibik und in Lateinamerika, die sich fortentwickelnde Industrialisierung in den Entwicklungsländern - all diese Entwicklungen signalisieren eine neue industrielle Freiheit und eine Neubesinnung auf die komplexen Abhängigkeiten innerhalb der veränderten Weltgemeinschaft. Jede dieser Veränderungen hat unter dem Einfluss des Prozesses des intensiveren Eintritts in die Technologiekommunikation stattgefunden.

Aber Technologie allein kann die dramatischen Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern;
das Vorhandensein einer vielseitigen Kommunikations-technologie allein garantiert noch nicht dafür,
dass nunmehr zwischen den Menschen die eigentliche Kommunikation optimale Wirklichkeit wird.

Die verschiedenen Technologie- und Transfermöglichkeiten können nur ein Werkzeug sein, dessen sich der Mensch verantwortet bedient.

Nicht wenige Gelegenheiten und alltägliche Erfahrungen lassen uns still und nachdenklich werden, und das mag vielleicht letztlich und scheinbar die Ironie des auslaufenden 20. Jahrhunderts sein: - Man hinterfragt nicht und/oder zu wenig, welchen Sinn, welchen Nutzen, welchen Wert, welche Qualität, welchen Vorteil diese Informationsflüsse auf den Daten-Autobahnen haben oder welchen Schaden sie anrichten können, wenn viele Menschen letztlich nicht wissen, wie sie diese neuen Ressourcen nutzen können bzw. wenn sie unverantwortet mit ihnen umgehen. Man fragt nicht nach, welche wichtigen, weltweiten, gesellschaftlichen Entwicklungen im Hintergrund dieser Gegebenheiten bereits ihre folgenschwere Eigendynamik entwickelt haben, während wir uns alle euphorisch und ausschließlich immer noch dem Wissenschaftsglauben und dem Technologiefortschritt widmen.

 

Vor nicht allzu langer Zeit hat das Institut für Wirtschaftswissenschaften an der weltberühmten Harvard Universität unter seinen in der Ausbildung befindlichen Studenten eine ausführliche Untersuchung unternommen. Harvard-Ordinarius John A. Quelch fasste seine Eindrücke in der Aussage zusammen:

"Was wir herausgefunden haben, ist ein großes Maß an Unzulänglichkeit und Unbedarftheit im Umgang mit dem technologischen Möglichkeiten der Kommunikation unter den fortgeschrittenen Schülern und Studenten. Diese freundlichen jungen Leute verwalten zwar hervorragend Informationen und werten die verschiedensten Datenmengen zuverlässig aus; wenn es aber um das Analysieren und Vermitteln menschlicher Bindungen geht, dann sind alle Erwartungen in den Sand gesetzt."

 

 

Conductio:

Zum ersten Mal in der langen Menschengeschichte sind wir von der schwierigen Aufgabe herausgefordert,
die komplizierten und zugleich radikalen Veränderungen unserer Lebenswelt nicht nur zu akzeptieren sondern sie zielorientiert herbeizuführen. Nur in der Kunst und in der Musik können wir uns noch den Freuden und Wohltaten der vergangenen Jahrhunderte hingeben. In bzeug auf die gesellschaftliche Entwicklung bleibt uns jedoch keine Wahl: Wir müssen unsere Energien und spirituellen Ressourcen kompromisslos und tiefgreifend auf die Erneuerung unserer Arbeits- und Lebenswelt, unserer Gesellschaft, konzentrieren.

Die kritische Betrachtung öffentlicher Meinungsäußerungen gewisser gesellschaftlicher Gruppen und Einzelpersonen belegt jedoch, dass die Gesellschaft in ihrer Mehrheit wie eh und je immer noch und unvermindert auf das überkommene "Klassenziel" der längst überkommenen Industriegesellschaft setzt, um den vermeintlichen "Klassenfeind" ausmachen und jagen zu können.

Gleichzeitig müssen wir uns aber auch schweren Herzens der Erkenntnis stellen:
Die Träume der Industriegesellschaft nach einem Glück durch ungehinderte Lusterfüllung, materiellen Überfluss und größtmögliche Sozialstaatlichkeit haben sich nicht erfüllt und werden sich auf diesen Wegen auch in der Zukunft nicht erfüllen lassen:

- Totale, erlebnisorientierte Befriedigung der materiellen und immateriellen Bedürfnisse führt nicht zwangsläufig zum totalen Glück.
- Statt Herren der Technik, der Natur und Wissenschaft zu werden, wurde der Mensch der Industriegesellschaft immer mehr zum nur verwaltenden und verwalteten Räderwerk der Bürokratie, des Marketings und des Apparatismus, der bereits in die individuellen Lebensabläufe eingreift und z. B. auch unseren Geschmack und unser Modedesign wesenhaft fremd- und mitbestimmt.
- Die Kluft zwischen arm und reich wurde und wird weltweit immer größer; man spricht auch in unserem Land nicht mehr nur von der Armut sondern von der neuen Armut, nicht mehr nur von den Reichen sondern auch von den Neureichen.
- Man problematisiert schnell und intensiv unbedeutende und unbedeutendste Ereignisse, um sich selbst über die eigentlichen Probleme in Staat und Gesellschaft sowie in sich selbst hinwegzutäuschen.
- Die christlichen Kirchen mahnen fast hilf- und erfolglos anmutend im wahrsten Sinne des Wortes "unerhört" bzw. ungehört die (Be-)Wahrung der Schöpfung an.
- Ökologische Gefahren und Schäden durch chemische Überlastung der Umwelt werden im Verbund mit den unbewältigten Sicherheitsrisiken der Kernkraftwerke und den atomaren Folgen eines nuklearen Krieges zu emanzipierten Spätfolgen des industriellen Fortschritts.

 

 

Albert Schweitzer schien eine Vorahnung auf die Ereignisse der 90er Jahre und das beginnende 20. Jahrhundert gehabt zu haben, als er schon 1954, also vor über 40 Jahren, bei Entgegennahme des Friedensnobelpreises in Oslo sagte:

"Wagen wir die Dinge zu sehen wie sie sind. Es hat sich ereignet, daß der Mensch ein Übermensch geworden ist. Doch er bringt nicht die übermenschliche Vernünftigkeit auf, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte. Damit wird nun vollends offenbar, dass der Übermensch mit dem Zunehmen seiner Macht zugleich immer mehr zum armseligen Menschen wird. Was uns aber eigentlich zu Bewußtsein kommen sollte, ist dies, dass wir als Übermenschen zu Unmenschen geworden sind."

 

Das Morgen des Instrumentalunterrichtes

Dieser bescheidene Versuch eines kurzen vielbahnigen Anrisses von Entwicklungen in den westlichen und vor allem in den westeuropäischen Industriestaaten vermag vielleicht anzudeuten,
- wie intensiv wir uns in einem internationalen Evolutions- Revolutionsprozess der Kultur, der Wirtschafts- und der Arbeitswelt befinden, der von uns Zeitgenossen in allen Bereichen völlig neue Visionen, völlig neue Fragen, völlig neue Antworten, völlig neue Lösungsmodelle abverlangt;
- wie sehr wir unbewusst schon heute in einer Quasi-Kulturrevolution leben,
- die notwendigerweise neue Marketing- und Managementstrategien in der Kultur sowie neue Steuerungssysteme und Strategien, neue soziale Sicherungssysteme sowie neue Organisationsmodelle für die biologische und psychologische Überlebenszukunft des Menschen schicksalhaft erzwingt,
- die in Folge neue Dienstleistungen sowie neue Qualitäten und Modalitäten der Dienstleistung(en) notwendig macht sowie neue Ansprüche an den einzelnen Menschen und an die Gesellschaft kreieren lässt,
- und die deshalb nicht zuletzt auch neue virtuelle, multimediale Unterrichtssysteme, neue vernetzte Unterrichtsorganisationen und neue Unterrichtsinhalte, neue Unterrichtsverfahren, ein neues Unterrichtsmarketing sowie neue Erprobungs- und Erfahrungsmodelle in den allgemeinbildenden Schulen, Volkshochschulen wie in den Musikschulen zwingend bedingen.

 

 

Doch die dreitausendjährige Menschengeschichte läßt ebenso keinen Zweifel daran, dass diese unabwendbaren Wandlungsprozesse der Gesellschaft mit gigantischen Ausmaßen nicht auf revolutionären sondern allein auf evolutionären Wegen, nicht per Weisung oder Gesetz "von oben nach unten" sondern nur durch Evolution, durch Wandlung "von unten nach oben" gelingen können.
Ein neues Kapitel der Menschengeschichte hat begonnen. Auch zukünftig muss es in aller Wissenschaft und Forschung stets um den ganzheitlichen Menschen gehen; aber es darf nicht nur um den Menschen gehen.
Die Befreiung des Menschen durch die Wissenschaft, seine Annäherung an Grenzbereiche der Biologie,
hat ihn nicht aus seiner Verantwortung für die Wissenschaft entlassen. Im Hinblick auf die Ausdehnung der menschlichen Macht im göttlichen Schöpfungsplan übernimmt der Mensch zunehmend zentrale Verantwortung für die Bewahrung der ganzen Schöpfung.

Die Kirchen können sich nicht länger vor ihrer Verantwortung drücken, auch sie müssen nicht als geistliche Würdenträger aber als geistige Gesellschaftspräger sich der Mitverantwortung für das ganze Weltall stellen. In diesem Sinne muß jeder Pfarrer und jede Bischöfin, jeder Diakon und jede Predigerin sehr genau überlegen, welches die Botschaft und Predigt von morgen sein wird. Eines steht jedenfalls fest, die Predigten für morgen dürfen nicht von etwas christlich bepudertem Sozialismus geprägt sein. Nein, sie müssen die Spiritualität der Bibel und der Urchristen wieder aufgreifen, sie müssen den Menschen wieder Mut und Zuversicht vermitteln, für die Visionen über die Zukunft innerlich frei zu sein. Nicht länger dürfen die Menschen Schutz vor den Menschen suchen müssen.
"Die Menschen der Zukunft sind Mystiker
oder ..." (Karl Rahner)

 

Viele Menschenen lehnen das unbekannte Neue ab und verkennen so diese einmalige Chance und üben sich lieber in der Abwehr des Unbekannten und aller Neuerungen. Sie spüren vermutlich unbewußt, dass der Ausstieg aus der Industriegesellschaft nur gelingen kann, wenn die gesellschaftlichen Werte neu definiert werden.
Die Grundwertediskussionen und ihre Ergebnisse dürfen nicht auf den Datenspeichern der Archive verschwinden: Das Software-Design verändert sich laufend, und morgen werden die Datenspeicher von heute nicht mehr lesbar sein.

Aber einige wenige sagen bereits JA zu dieser stillen Revolution und üben sich in Toleranz für die Welt von morgen. Sie kehren sich ab vom Überfluss, wenden sich z. B. wieder dem Fahrradfahren zu und öffnen sich dem Wesentlichen: Sie übernehmen selbstbewusst Verantwortung und erkennen, dass gigantische Lernprozesse auf uns zukommen und dass man einmal erworbenen Besitz, einmal erworbenes Wissen, nicht ein Lebenlang als einen Besitz für sich verbuchen kann. Die alten genussvollen Konsumangebote der Industriegesellschaft werden von neuen, einfachen, von Geistigkeit, Geistlichkeit und körperlichen Anstrengungen geprägten Lebensformen abgelöst.

Sie spüren, dass ihr Ausstieg aus der Industriegesellschaft als Einstieg in die Zukunft nur gelingen kann, wenn wir gleichzeitig und ganzheitlich neue Werte, neue Wertvorstellungen kreieren und wenn wir den Mut haben, eine radikale Veränderung unserer Arbeits- und Lebenswelt mit allen unseren Energien anzugehen.

 

 

Im Bereich des instrumentalen Musikunterrichtes hat es in den letzten beiden Jahrzehnten bereits neue, hoffnungsvoll stimmende Ansätze in der instrumentalen Fachmethodik und Fachdidaktik gegeben.

Den bestehenden innervierten instrumentalpädagogsichen Schriften müssen keine neuen methodischen Wege hinzufügen werden. Und trotzdem erfordert der instrumentale Musikunterricht eine neue Originalität und neue Innovationskräfte für das Morgen außerhalb der eigentlichen musik-immanenten Fachdisziplinen.

An den Instrumentalunterricht und seine Mittler wie Vermittler richten sich unausweichlich die gleichen harten Anforderungen des Produktmanagements. Instrumentaler Musikunterricht dient nicht länger dem schönsten Hobby der Welt. Instrumentaler Musikunterricht ist kreative Dienstleistung am ganzen Menschen.

Die kreative Gestaltung der Musik bleibt nicht länger dem Künstler vorbehalten. In der Gesellschaft der Zukunft befruchtet die Musik als ein Teilbereich der Kultur ebenso die Wirtschaft, die Wissenschaft, das soziale Leben und nicht zuletzt die Politk. All so kommen dem Instrumentallehrer von morgen gesellschaftsgestaltende Mitverantwortung zu. Dieses neue, gewissermaßen "unmusikalische" oder außeremusikalische Design des instrumentalen Musikunterrichtes wie des Instrumentallehrers gewinnt zunehmend an Bedeutung, dieses Design wird aller überkommenen Didaktik und Methodik zunehmend den ersten Rang ablaufen:

Die Kultur im Allgemeinen und die Musik im Besonderen dürfen nicht länger als elitärer geistig-emotionaler Rohstoff in Universitätsbibliotheken und Archiven brach liegen; die Kultur und die Musik müssen in diesen Jahren der gesellschaftlichen Veränderung und des Übergangs zur neuen Dienstleistung am Menschen und seinen sozialen Entwicklungs- bzw. Entfaltungsprozessen gewissermaßen recyclet werden. Das künstlerische, das pädagogische und das außermusikalische Design der Musik müssen in dieser veränderten Welt unabdingbar zu einer Symbiose zusammenwachsen und gemeinsam wirken, um die Spielräume des Menschen für neue eigene Ideen, für Neugierde und Pioniergeist mitzuentwickeln.

Die Musikpädagogik und besonders die Instrumentalpädagogik wurden in der Vergangenheit von den erziehungswissenschaftlichen Disziplinen höchst stiefmütterlich behandelt und ggf. "klinisch rein" (Theodor Adorno), ohne jede historische oder gesellschaftliche Einbindung gerade mal als Nebenfach geduldet oder abgehandelt; schließlich will man ja angeblich nur das Klavierspiel, das Violinspiel auf direktem Wege und ohne jeden Umweg erlernen. Dabei scheinen viele zu vergessen, dass bereits Sigmund Freud die Bedeutung der Kunst und den Künstler für die Fantasie und für die Kreativität immer wieder herausgestellt hat, wobei man den alten Freudschen Begriff "Fantasie" vermutlich durch den neuen Begriff "Vision" ersetzen könnte.

Um zu überleben, werden wir uns als postindustrielle Zeitgenossen in Wirtschaft, Politik und Bildung zwangsläufig grundlegenden kulturellen und arbeitspolitischen Veränderungen unterziehen müssen.
Wir müssen uns eingestehen, dass aus der Industrie- und Konsumgesellschaft eine Informations-, Wissens- und Erlebnisgesellschaft geworden ist.

Aus diesen Überlegungen heraus wird hier nun erstmals der Versuch unternommen, erprobte Ansicht und Absichten, Meinungen und Empfehlungen nicht aus den Quellen der Musikpädagogik oder der Erziehungswissenschaft sondern aus den Quellen des modernen internationalen Managements heraus zu Anstößen an den Musik- und Instrumentalunterricht zu transfomieren, zu transponieren, zu adaptieren, zu arrangieren oder zu transkribieren.

Wir alle müssen schneller und komplexer denken und handeln, klüger und geschickter arbeiten, leidenschaftlicher und risikofreudiger Visionen über die Zukunft erträumen, diese Träume Wirklichkeit werden lassen wollen sowie auf sehr unterschiedlichen, neuen Wegen miteinander in Verbindung treten, neue Formen menschlichen Miteinanders erdenken und erproben, um die bedrückenden Spätfolgen des industriellen Zeitalters möglichst gering zu halten und möglichst schnell aufzuarbeiten - auch in der instrumentalen, vokalen oder schulischen Musikpädagogik, im Privatunterricht wie in den Musikschulen.

Und - wir müssen kreativ werden, um die vorhandene, immer weniger Arbeit neu zu verteilen, damit nicht auf Dauer die einen die Arbeitbesitzenden und die anderen die Arbeitslosen sind.

Gleichzeitig heißt es Abschied nehmen von Überkommendem, vom Zeitgeist unserer Vorfahren, vom Zeitgeist und von der Ideologie der Industriegeschaft, von den bisher eingeübten Zeitvorstellungen und Hierarchien.

Es heißt Abschiednehmen von liebgewordenen Gewohnheiten, von Freundeskreisen, territorialen Lebensräumen und Lebensumständen. Es heißt Abschied nehmen von bisherigen Erfahrungen, die neuem, immer komplexer werdenden Wissen weichen müssen.
Es heißt Abschied nehmen von der Vorstellung, dass sich eine Revolution nur lauthals, gewaltig und gewaltorientiert vollziehen kann. Ein jeder von uns ganz besonders ein jeder Pädagoge muß ein Leben lang immer schnelleres JA sagen zum Lernen, Umlernen, Weiterlernen, zum Vergessen von alten Erfahrungen, um neuem Wissen Platz zu machen, zur permanenten Revolution und Evolution sowie zum Wandel der privaten und gesellschaftlichen Ordnungssysteme.

Die Zukunft hat schon begonnen,
eine Zukunft der stillen, gewaltfreien Revolution,
eine Zukunft, die sich durch Erfahrungsverluste
immer unsicherer zu gestalten scheint.

Die Ansprüche an die Arbeitsplätze steigen, die Ansprüche an den Instrumentalunterricht steigen.
Dem Arbeitserlebnis, dem lustbetonten Unterrichtserlebnis, den mitmenschlichen Qualitäten kommt
eine immer höhere Bedeutung zu. Der einzelne will im Unterricht wie am Arbeitsplatz sich unverwechselbar verwirklichen können, er will in seiner Individualität im Instrumentalunterricht und durch ihn herausgefordert werden. Leistungsbegriff und Leistungsziele müssen in Schule und Musikschule neu und immer wieder neu definiert werden.

Dieser existentiell notwendige Wandel in der Gesellschaft stellt deshalb an den Manager wie an Mediziner, an den Theologen wie an den Futurologen, an den Pädagogen wie an Handwerker - und natürlich ganz besonders an den Musikpädagogen - ganz neue Anforderungen. Die Zeit der Oberlehrer-Pädagogik oder der Leitung eines Unternehmens nach Gutsherrenart, der Bußpredigt von der Kanzel oder des Besitzstandsdenkens ist längst vorbei.

Der Bäcker von morgen, der Instrumentallehrer von morgen, der Schulleiter von morgen, der Sozialarbeiter von morgen, der Wissenschaftler von morgen, der Arzt von morgen, der Politiker von morgen, sie alle sind Produktmanager von morgen und müssen einen Sinn und eine Vision für das Morgen, in das Morgen und für ihre Arbeit im Morgen entwickeln und sich mit ihr wesenhaft identifizieren.

Nicht an ihre Methodik- und Didaktik-Kenntrnisse, aber an die Effizienz ihrer Kreativität, Aktivität und Produktivität, ihrer Kommunikations- und Motivationsfähigkeiten werden allerhöchste Ansprüche gestellt - ohne die Kultur werden diese zukunftsweisenden Aufgaben nicht gelingen.

Der Instrumentalpädagoge von Morgen wird deshalb keine Gelegenheit auslassen dürfen, quasi jegliches Gramm an Talent und Kreativität in seinem Schüler und mit seinem Schüler zu erspüren, zu entdecken, zu wecken und weiterzuentwickeln, gleichsam wie der Winzer seinen kostbaren Wein geduldig und jede Veränderung wahrnehmend auszubauen. - Gorbatschows um die Welt gegangenen und seitdem häufig strapazierte Worte von 1989: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" beschreibt diesen zwingenden Wandlungsprozeß zutreffend, leidenschaftslos und überzeugend.

Kreativität ist nicht allein den Künstlern und Musikern vorbehalten.

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