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Der Ragtime und seine Wurzeln

 

Der RAGTIME hat für mich etwas Faszinierendes an sich.

Ganz im Zeichen der 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten schienen die 70er Jahre unseres Jahrhunderts das Jahrzehnt der "Wiederentdeckung" und Selbstfindung Amerikas zu werden. Mit der Wiederentdeckung amerikanischen Geistes und amerikanischer Kultur besinnt man sich auch des Ragtimes, jener charmanten, spritzig frischen, kraftvollen amerikanischen Musik, die vordem ein halbes Jahrhundert lang schon vergessen schien.

Amerika war reif für die Wiederentdeckung des Rags, der zur Jahrhundertwende für zwei Jahrzehnte zu einem Status-Symbol und zur musikalischen Sprache der Amerikaner wurde. In den Staaten sagt man heute gern, der Ragtime sei kraftvolle Musik mit einem Spritzer Optimismus, der sich besonders in den Synkopen des Cakewalk-Rhythmus ausdrückt. (Cakewalk nannte man übrigens das neue "kurz-lang-kurz"-Metrum, das mit dem Ragtime aufs Engste verbunden ist.)
Der Ursprung des
Ragtimes, die afro-amerikanische Folklore, ist unverkennbar. Während die eigentliche altafrikanische Musik, die Jumba-Tänze und Plantagenlieder für immer verloren gingen, spiegelte sich ihr Geist in der Musik des Ragtimes wieder. So wurde das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zur musikalischen Revolution Amerikas.

Ein neuer Klang eroberte plötzlich die Szene: Der Ragtime verdrängte die musikalischen Gepflogenheiten der viktorianischen Ära. Speziell der synkopierte Cakewalk, "das Schmuckstück der Intonation", wie ihn Mark Twain liebevoll nannte, eine Musik, die sprudelt, bestimmte mehr und mehr das musikalische Geschehen in den Vereinigten Staaten.

Der Ragtime war die erste Musikrichtung, die den Geist Amerikas wiedergab, den Geist von Romantik, Energie, Abenteuer und Aufbruch. So war der Ragtime auch die erste Musikrichtung, in die sich das Schaffen Schwarzer wie Weißer einbringen konnte.
Doch zunächst erblühte der
Ragtime nur in den Rotlichtvierteln, Saloons, Casinos und Weinkellern. In Bordellen wurde zu den Rhythmen des Ragtimes gestrippt, während der Ragtime im heutigen Amerika wie bei uns in Europa von allen, von Jung und Alt, gern gehört und gespielt wird.

 

 

Der Rag schaffte seinen Einzug in die etablierte Gesellschaft aber nicht ohne Kampf. Es kam zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Vorurteilen und Akzeptanz. Und in den ersten Jahren seiner Entstehung soll so mancher Sheriff versucht haben, den Rag mittels Armee und Polizei zu bekämpfen; andere Zeitgenossen behaupteten sogar, der Ragtime sei durch des Teufels Hand entstanden. Warum musizierten seine Schöpfer in solch berüchtigten Ecken? Die Antwort ist einfach.
Bis auf ein paar wenige, besitzlose Weiße waren die
Ragtime-Musiker Schwarze; und Bordelle wie Kneipen waren die einzigen Orte, an denen Schwarze damals Brot und Arbeit finden konnten. Der Charakter des Rags entwickelte sich nach und nach: Zuerst eine ziellose Sammlung Melodien, bestanden die Rags seit 1887 aus Themensammlungen, in sich selbst mit einzubringen.

 

 

Der Sound des Ragtime variierte zwischen den klassischen des Missouri-Rags und den spritzigen Rhythmen des Foxtrott. Es war eine Musik entstanden, die das Formale und das Traditionelle der amerikanischen Bürgerschicht der Armen und sozial miteinander zu verknüpfen wusste, als das Land noch jung war und voller Abenteuer steckte. Der Ragtime entstand wie gesagt im Untergrund, in den Saloons und "freundlichen Warenhäusern" 19. Jahrhunderts, in denen schwarze Pianisten zunächst Märsche und Tänze aus der Alten Welt spielten. Die Synkopierungen des Cakewalks und die mit punktierten Rhythmen garnierten.Triolen der schwarzen Bevölkerung wurden erst nach dem amerikanischen Bürgerkrieg verfügbar, so dass die Pioniere diese neue Spielart ihrer alten, vertrauten Lieder nur auf dem Harmonium, dem "Jip" ausprobieren konnten.

 

 

Das Aufschreiben der Ragtimes entwickelte sich erst später, gegen Ende der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die ersten notierten und gedruckten Vorläufer des Ragtime waren Bearbeitungen bekannter Lieder, die von großen Verlagshäusern als Einzelausgaben herausgegeben wurden.

 

 

Scott Joplin, geboren 1868, war sicher der erste große Virtuose des "Piano-Rags". Er wuchs kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg auf, sein frühes Talent (in Amerika nannte man ihn gern den "schwarzen Mozart") wurde von einem weißen Musiklehrer entdeckt und gefördert. In seiner Jugend schien Joplin ein Wanderer zwischen der Musik der Alten Welt, der Klassik (Ludwig van Beethoven war ihm wichtiges Vorbild) und der afro-amerikanischen Folklore zu sein. Scott Joplin war gerade 31 Jahre alt, als sein erstes Klavierstück veröffentlicht wurde. Man sagt ihm nach, für die Entwicklung des Ragtimes jene Bedeutung zu haben, die Joh. Seb. Bach für die Barockzeit einnimmt. Es ist schwer, sich die Ragtime-Musik ohne Scott Joplin vorzustellen.

 

 

Sein außergewöhnlicher Freund, der weiße Musikverleger John Stillwell Stark, sorgte für die Publikation der Ragtimes Joplins. Zum Schauplatz des Ragtimes wurde das Missouri-Tal in den Bundesstaaten Missouri und Kansas, sowie die angrenzenden Staaten Arkansas, Tennessee, Texas, Oklahoma und die angrenzenden Indianergebiete (Missouri-School).
In Sedalia konzentrierte Scott Joplin seine kreativen Aktivitäten und förderte junge Talente, wie er selbst zuvor gefördert wurde. 1900 zog Joplin nach St. Louis um, um sich ganz auf den Unterricht und das Komponieren zu konzentrieren.

 

 

Er hatte nie wieder Gelegenheit, seine alten Mitstreiter aus dem Rotlichtviertel Sedalias zu besuchen oder alte Freundschaften aufzufrischen. James Scott, einer des großen "klassizistischen Trios" der Ragtime-Ära begegnete Scott Joplin zum ersten Mal, als dieser nach Kansas City umzog. James Scott, gern verglichen mit Liszt oder Chopin, war brilliant in Melodik und pianistischer Spieltechnik, nicht weniger als 18 Ragtimes präsentierte James Scott von 1906-1921. Als Scott Joplin St. Louis und die Ragtime-Szene verließ, kamen auch Rob Hampton und Charles Thompson zur Szene, Namen, die uns heute wenig geläufig sind.

 

 

Hampton und Thompson wurden schon bald wie viele andere Saloonkeeper, verdrängt von der "Juke-Box", einem automatischen Klavier. In seiner Entstehungszeit wurde der Ragtime gern als Begleitung für schnelle Tänze in den Shows der Rotlichtviertel benutzt, die aber oft in einem ruinösen Tempo gespielt wurden.

 

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